CD-Review: Coppelius – Kammerarchiv

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Vier Jahre sind vergangen: welterste Steampunk Oper, Bühnenabstinenz, Coppelius.Waits for you Auftritte und Bühnenabstinenzverweigerung. Jetzt ist es bald soweit: Ein neues Album der Berliner Band Coppelius wartet auf die Veröffentlichung.

Ab dem 06. September wird „Kammerarchiv“ überall erhältlich sein; wir hatten bereits die Chance rein zu hören und wollen einige Eindrücke schildern.

Coppelius sind: Butler Bastille, Graf Lindorf, Max Coppella, Linus von Doppelschlag, Comte Caspar und Sissy Voss

Coppelius gelten als bekannteste deutsche Steampunk-Band, auch wenn die Genre-Zuschreibung erst später akzeptiert, seitdem allerdings mit Stolz getragen wurde. Ihren Stil beschreiben die Musiker selbst als „Kammer-Core“ oder auch, in Anlehnung an Heavy Metal, als „Heavy Wood“, denn das was da aus den Lautsprechern tönt sind keine E-Gitarren, sondern Cello, Kontrabass und Klarinetten. Teils elektronisch verstärkt und verzerrt und unterstützt vom Schlagzeug liefert die Band ihren ganz eigenen Sound zwischen Metal, Rock und Alternative und ist damit von Rockfans und Metalheads, Gothics und Steampunks gleichermaßen hörbar.

[Hinweis: Die Autorin ist langjähriger Coppelius Fan und deswegen eventuell an einigen Stellen voreingenommen, gibt sich aber Mühe, möglichst objektiv zu urteilen und sie im Gegenzug an Insiderwissen teilhaben zu lassen.]

Tracklist Kammerarchiv:

  1. Die Mühle
  2. I Get Used to It
  3. Kein Land so schön
  4. Ides of March
  5. Wrathchild
  6. Mir egal
  7. Dreaming
  8. Radio Video
  9. Welthentrubel (Selten genug)
  10. To my Creator
  11. Way down in the Hole
  12. Lied der Liese
  13. Ein kluger Mann
  14. Zeit & Raum
  15. Kalthes Herz
  16. Notatall
  17. Was war denn das
  18. Aus den Betten
  19. 1916

Schon der Titel des Albums verrät es: den geneigten Hörer erwarten eine Menge neu aufgelegter „alter“ Stücke aus der coppelianischen Schaffensgeschichte; aber: Es sind auch einige bislang unbekannte Stücke mit dabei. Auf alle gehen wir hier ein wenig ein:

Mit „Die Mühle“ folgen die sechs Herren dem Vorbild ihres letzten Albums Hertzmaschine (2015) und beginnen mit einem A-cappella Stück. Der Titel lässt es erahnen: es handelt sich vermutlich um einen Schnipsel aus der neuen Oper „Krabat“, die ihre Premiere am 9. Mai 2020 im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen feiern wird

I get used to it” erschien zuerst 2004 auf der EP „1803“. Auch wenn Herr Max Coppella in einem Ankündigungsvideo behauptet, es habe lediglich ein Schüttelei am Ende gefehlt, ist es doch vor allem das Schlagzeug, dass nun mit deutlich mehr „Wumms“ daherkommt. Insgesamt schafft es die Neuaufnahme mit größerer Tiefe und einem Max Coppella in gesanglicher Höchstform, die Energie zu transportieren, die sonst nur auf Konzerten zu ekstatischem Haareschütteln verleitet.

Foto: Pedro Malinowski Graf Lindorf, Max Coppella und Rüdiger Frank in „Klein Zaches, genannt Zinnober“

Mit „Kein Land so schön“ geht es von der Konzertbühne auf die Opernbühne und hinein in die 2015 uraufgeführte und nach eigenen Angaben „welterste“ Steampunk-Oper „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Mit Rüdiger Frank als Gastsänger bekommt die Vorstellung der Stadt Kerepes vom Beginn der Oper einige Texterweiterungen, die durchaus auch gesellschaftskritisch verstanden werden dürfen, allerdings wirkt der Gesamtaufbau des Stückes dadurch nicht mehr ganz so rund, wie noch in der Oper.

Track 4 und 5 könnte man zuerst 1982 gehört haben, dort aber von Iron Maiden auf ihrem Album „Killers“ eingespielt. Coppelius ersetzen mit ihren Covern von „Ides of March“ und „Wrathchild“ E-Gitarren mit elektrisch verstärkten Klarinetten und Cello/Kontrabass und machen damit der selbstgewählten Genrebezeichnung „Heavy-Wood“ alle Ehre.
Überhaupt scheinen die Herren mit Zylinder ein Faible für speziell dieses Album der Eisernen Jungfrau zu haben, denn mittlerweile haben sie bereits das halbe Album gecovert. (2007: „Murders in the Rue Morgue“, Album: Time-Zeit, 2010: „Genghis Khan”, Album Zinnober, 2015: “Killers”, Album Hertzmaschine).
Den heraus geschrienen Textzeilen von Butler Bastille kauft man jedenfalls ab, dass er das „Wrathchild“ verinnerlicht hat.

Mit „Mir egal“ wird es wieder ruhiger, wenn Comte Caspar eine Trennung besingt, die der Protagonist zunächst nicht wirklich ernstnimmt und seine eigenen Fehler zwar eingesteht, aber nichts ändern will. Die Leichtigkeit der gezupften Melodie passt zur „Scheißegal“-Attitüde, bis er realisiert, dass er es wohl doch nicht so auf die leichte Schulter nimmt.

Dreaming“ ist die zweite Neuaufnahme aus dem „1803“ Album. Langsamer eingespielt und mit mehr Klangbreite wirkt der Song jetzt deutlich runder und voller. Allerdings kommt mit dem neuen Gesang, der sich mehr am Rhythmus orientiert, leider nicht mehr die Dringlichkeit der Erstaufnahme durch, bei der man Max Coppella die Panik vor dem Albtraum noch deutlich mehr abkauft. Dafür kann das coppelianische Instrumentarium einmal so richtig zeigen, was es draufhat.

Dass das nächste Cover von System of a Down stammt, dürfte vermutlich vor allem Graf Lindorf und Bastille geschuldet sein, die man beim Aufbau für Konzerte immer wieder beim stummen Mitsingen von SOAD Texten beobachten kann. Bei „Radio Video“ sind sie aber alles andere als still und verleihen dem Song die notwendige Energie, die besonders bei der Live Premiere auf Wacken zu bewundern war. Mit ihrem harmonierenden Gesang gelingt es ihnen die alternierenden Lautstärken und Stimmungen einzufangen und man mag kaum glauben, dass Radio Video nicht für Coppelius geschrieben worden ist. Auf jeden Fall merkt man, dass dies ein Song ist, der besonders Spaß macht.

Im starken Kontrast dazu folgt die Ballade „Welthentrubel (Selten Genug)“, die ebenfalls aus „Klein Zaches, genannt Zinnober“ stammt. Mit Klavierbegleitung beweist Bastille einmal mehr, dass ihm nicht nur die lauten Stücke liegen. Wer dabei seine Rolle als Balthasar noch vor Augen hat, dem ist Gänsehaut gewiss.

Mit „To my creator“ folgt ein Remake der gleichnamige EP von 2005, die auch wegen der prägnanten Klarinettenstimme ein „All-Time-Favorit“ der Fans ist. Graf Lindorf gelingt es die Gehässigkeit des Werkes gegenüber seinem Meister im Gesang darzubieten und mit den langsamen und schnellen Parts ist „To my creator“ vielleicht DAS Paradewerk von Coppelius, wenn sie nur einen einzigen Song spielen dürften um ihr Können zu beweisen.

Foto: CatHeadXII Art

Way down in the hole” stammt aus dem Programm “Coppelius. Waits. For you” und lässt erneut Rüdiger Frank zu Wort bzw. Gesang kommen. Mit dem Tom Waits Cover wird dem Mitte des Jahres verstorbenen Schauspieler und Sänger ein würdiges Denkmal gesetzt. Seine Reibeisenstimme, die er auch als Klein Zaches-Darsteller mit Coppelius einsetzen konnte, wird von den Klängen seltsamer Instrumente begleitet, die vornehmlich aus Comte Caspars Werkstatt stammen und bei der damaligen Aufführung der Coppelius/Tom Waits Crossover zu bewundern waren. Höchstwahrscheinlich ist es hier der „Schrankenbass“ von Sissy Voss gespielt, der (u.a.) zu hören ist.

Nach der Warnung vor dem Teufel besingt Graf Lindorf in “Lied der Liese” den Unwillen der Mutter von Klein Zaches zu leben; vor allem mit der Bürde, die der missgebildete Zaches für sie ist. Die reduzierte Instrumentierung unterstreicht gemeinsam mit der gefühlvollen Stimme Lindorfs die Not, die Liese leidet, insbesondere im Kontrast zwischen leisen, teils geflüsterten Strophen und geschrienem Refrain.

 

Im starken Gegensatz dazu steht das Stück “Ein Kluger Mann”, das ebenfalls aus der Steampunk-Oper stammt. Hier kommt ausnahmsweise auch einmal Sissy Voss zu Worte, den man sonst nur am Bass vernimmt. Das klamaukige Lied vermag allerdings ohne den Kontext zu kennen (und ohne die Boyband-würdigen Tanzeinlagen von Max Coppella, Comte Caspar und Bastille) nicht so richtig zu zünden und wirkt selbst für Coppelianische Maßstäbe ein wenig zu albern.

Screenshot aus dem Ankündigungsvideo zu „Zeit & Raum“

Zeit & Raum” macht eine weitere 180° Wendung und es wird ruhiger und nachdenklich. In einer Videoankündigung, dass es zu diesem Lied auch ein Musikvideo geben soll, wurde bereits darauf hingewiesen, dass verschiedenste selbst erdachte und erbaute Instrumente zum Einsatz kamen. Der erste Klavierakkord erinnert noch an „Sternenstaub“ (Hertzmaschine, 2015), steigert sich dann jedoch mit den anderen Instrumenten zu einem beinahe dystopischen Klanggewitter.

 

Der Aufbau und insbesondere ein relativ langer Instrumental Part vor der Bridge lässt vermuten, dass “Kalthes Herz” ebenfalls ein Stück aus der für das kommende Jahr angekündigten Oper ist, inhaltlich erinnert der Test jedoch eher an Wilhelm Hauffs Märchen.
Bastille besingt voller Schmerz ein verwundetes Herz, dass nicht heilen kann und diese Wunden werden auch musikalisch (insb. von den Streichern) aufgegriffen.

Notatall” ist eine kraftvoll mehrstimmig gesungene Beteuerung der Herren Coppelius, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, was sie tun sollen: not at all.

Dass genau darauf der Klein Zaches-Titel “Was war denn das?” folgt, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Der treibende Rhythmus lässt einen sofort gut gelaunt mitwippen und auch das komische Wechselspiel zwischen Comte Caspar und Bastille (alias Fabian und Balthasar) lässt schmunzeln. Die stellenweise künstliche Verzerrung/Hall auf Bastilles Stimme hingegen ist eher unpassend und „too much“ denn eine gelungene Albumüberarbeitung.

Mit “Aus den Betten” wird es noch einmal ernst. Comte Caspars eindringlicher Gesang zum Marschrhythmus lässt erahnen, dass uns mit Krabat eine schaurig-düstere Inszenierung des Ottfried Preußler Stoffes erwartet. Dem Lied gelingt es auf jeden Fall ein Beklemmungsgefühl hervorzurufen, das die Mühlenknaben bei ihrer makabren Arbeit wohl empfinden müssen.

Eine ganz andere Art von Beklemmung ruft das Motörhead Cover von “1916” aus dem gleichnamigen Album von 1991 hervor. Gefühlvoll besingt Graf Lindorf das Leben und Sterben des Soldaten und macht damit Lemmy alle Ehre.
Die coppelianische Instrumentierung wird dem Text mehr als gerecht, Gänsehaut garantiert.

Fazit:

Kammerarchiv ist genau das was es verspricht: Eine bunte Mischung aus der gesamten musikalischen Bandbreite und Schaffenswelt von Coppelius: Alte Songs, neue Songs, Cover, vergangene und zukünftige Opern. Die fünf Herren und ihr Diener zeigen, was sie alles können und dass sie mehr sind, als „nur“ eine Rockband.

In dieser Vielfalt liegt aber auch der große Schwachpunkt des Albums, denn es ist kaum möglich in der Zusammenstellung einen roten Faden zu finden. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Lieder und zu unterschiedlich ihre Komposition.

Das ist natürlich wenig verwunderlich, denn ein Stück, dass von einem Orchester gespielt werden soll, hat andere Ansprüche als ein Song für eine sechsköpfige Band.
Aus Steampunkiger Sicht ist diesmal bei weitem nicht so viel dabei, wie noch bei Hertzmaschine, wo es an jeder Stelle dampfte und zeitreiste; stattdessen sollten aber die Metal Cover mit historischem Instrumentarium Anklang finden.

Kammerarchiv bietet für Fans wie auch neue Zuhörer einiges an Hörgenuss. Während sich erstere vermutlich vor allem über bislang Unveröffentlichtes freuen, ist der Querschnitt ein guter Einstieg für jene, die Coppelius zum ersten Mal hören.

Meine Top 3:

I get used to it – Gebührende Neubearbeitung eines Coppelius Klassikers
Radio Video – Man hört wie viel Spaß die Band bei diesem Song hatte und die Premiere auf Wacken war einfach grandios energiegeladen!
Aus den Betten – wunderbarer Coppelius Sound mit viel Finesse, düster, makaber und macht neugierig auf die Krabat Ope3

Kammerarchiv ist ab dem 06.09.2019 erhältlich und jetzt schon vorbestellbar:

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Konzerttour Winter 2019/2020
Krabat Oper ab 9. Mai 2020

Nachtrag:

Nein, das ist nicht das Kleingedruckte zu dieser Rezension, sondern das „Booklet“ der CD. Es wirft definitiv die Frage auf: wer hat gedacht, dass das eine gute Idee ist? Ich schaue mir wirklich gerne Texte an, aber diese winzige Schrift und die ellenlangen Zeilen machen selbst mir Schwierigkeiten und dann sind in den Texten auch noch Unterschiede zum tatsächlich gesungenen Text…

Dafür gibt es auf der Rückseite wieder ein schickes Miniposter und auch die restliche Gestaltung des Digipacks zeugt von viel Liebe zum Detail. Die kriegt man aber nur zu sehen, wenn man die CD kauft, also los ;)