Nähkästchengeplauder – „How to“: Wie bezieht man einen Sonnenschirm neu

Historischer Hintergrund:

Foto: https://www.metmuseum.org/art/collection/search/157175

Bevor die Sonnencreme erfunden wurde (1933) war der Sonnenschirm der einfachste Weg, den makellosen Porzellanteint einer Dame zu erhalten. Obwohl die Geschichte des Sonnenschirms Tausende von Jahren zurückreicht, wurde er in Europa erst während der italienischen Renaissance des 16. Jahrhunderts eingeführt. Seine Popularität nahm rasch zu und bald schon war er in der Damenmode überall verbreitet. Es gab ihn in verschiedenen Formen und Größen. Wenn ein Kleid Bögen oder Volants hatte, konnte der Sonnenschirm mit der entsprechenden Dekoration geschmückt werden. Dies war eine Frage des Geschmacks, und die Damen wählten bescheidene bis extravagante Versionen für verschiedene Anlässe und basierend auf dem, was ihr Einkommen erlaubte.

Wie beim Fächer gab es auch bei dem Schirm eine geheime Sprache. Mehr dazu am Ende des Artikels.


 

Einen Schirm zu seinem viktorianischen bzw. Steampunk – Outfit zu finden kann mitunter eine große Herausforderung darstellen. Zeitlich passende Schirme in einem einwandfreien Zustand zu bekommen ist nicht ganz so schwer, doch sind diese dann häufig wahnsinnig teuer bis unerschwinglich. Passt der Preis, ist häufig der Zustand des Schirms das Problem. Wer nun nicht gerade reich geerbt hat oder sich mit einer neumodischen Replik zufrieden geben möchte, kann selbst Hand anlegen. Nachfolgend zeige ich Euch eine Möglichkeit, einem derangierten Schirm neues Leben einzuhauchen oder aber auch einen Schirm passend zu Eurem Outfit umzugestalten.

Wie auf dem Bild rechts zu sehen, sind die Bezüge der Schirme häufig beschädigt, die Nahtstellen rissig und das Gestell verbogen. Solange die Mechanik Eures Schirms funktionsfähig ist, ist das aber kein Problem und man kann dem Schirm wieder zu neuem Glanz verhelfen.

Zu dem verzogenen Gestell kommt es häufig, wenn der Stoff an einer Stelle reißt und ist ausgeprägter, je beschädigter der Stoff und je länger die ungleiche Belastung gewirkt hat. Zu Beginn versuche ich noch nicht dem entgegen zu wirken, sondern lasse alles so wie es ist und nehme vorsichtig den Bezug ab.

 

 

 

Schritt 1: Die Befestigung am oberen Ende des Schirms entfernen. Bei den alten Schirmen ist diese mit einem kleinen Nagel fixiert, dieser kann heraus gezogen werden oder, wenn er besonders fest sitzt, muss der Kopf abgeschliffen werden.

 

 

 

 

Schritt 2: Den kompletten Bezug  vorsichtig von dem Gestell lösen. Dieser ist zumeist mit Nähten an den einzelnen Stangen und an deren Enden fixiert.

 

Schritt 3: Wie man im oberen Bild sehen kann, sind die Gelenke und der obere Bereich des Schirms mit zusätzlichem Stoff abgepolstert, um einem vorzeitigen Verschleiß vorzubeugen. Diese Stoffstücke sind meist in keinem guten Zustand und werden von mir ebenfalls ersetzt. (hell: alte Stoffteile, dunkel: neu)

 

 

 

 

Schritt 4: Für den nächsten Schritt gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Man kann Schnittmuster für Schirmbezüge verwenden (z.B.: von Truly Victorian TV 570). Man kann seinen Bezug ausmessen und die Maße auf den neuen Stoff übertragen, oder (so mache ich das) man kann den vorherigen Bezug als Schnittmuster verwenden. Entscheidet man sich für einen fertiges Schnittmuster, sollte man bedenken, dass mit einer gewissen Anzahl von Anpassungen zu rechnen ist, da die Schirme nicht alle die gleichen Maße haben. Beim Maßnehmen ist es wichtig mehrere Punkte auszumessen, je mehr Punkte, desto genauer das Schnittmuster. Verwendet man den vorherigen Bezug sollte man darauf achten, dass das ausgewählte Stoffstück möglichst gut erhalten und wenig verzogen ist, um eine genaue Kopie zu bekommen. Beim Eröffnen der Nähte sollte man vorsichtig agieren, da die Bezugstoffe durch die viele Sonneneinstrahlung und jahrelange Lagerung dort besonders brüchig sind. Anschließend das herausgetrennte Stück vorsichtig und mit einem Tuch als Zwischenlage bügeln.

Schritt 5: Die Nahtzugabe (ca. 1 cm) von der Nahtlinie aus messen. Bei meinen Schirmen variierte die Nahtzugabe teilweise sehr stark auch innerhalb des Stoffdreiecks und so konnte ich verhindern, dass es zu Ungenauigkeiten kam.

 

 

 

Schritt 6: Die notwendige Anzahl an Stoffteilen ausschneiden und zusammennähen. Bei der ersten Anprobe zeigt sich ob der neue Bezug passt oder ob noch Feinarbeiten notwendig sind. Der Bezug sollte etwas kleiner sein als der Schirm, um später schön straff zu sitzen. Am oberen Ende wird ein Loch für den Schirmstock gelassen (ca. 1,5 cm).

Im Inneren werden die Stoffkanten mittels Kappnaht versäubert (hier habe ich ein Tutorial für Euch).

Alle Verzierungen, die komplett festgenäht werden müssen, werden zu diesem Zeitpunkt ebenfalls angebracht, wie auf dem Foto zum Beispiel der Rüschenrand.

Der fertige Bezug wird über den Schirm gezogen, an den Enden festgenäht und an jeder Stange über die Länge mit drei Nähten fixiert. Hier sollte darauf geachtet werden, dass die Nähte die Verschlußmechanik nicht behindern und sich der Schirm problemlos öffnen und schließen lässt. Durch den neuen Bezug wird der Schirm wieder in seine ursprüngliche Form gebracht. Sollte dies nicht ganz der Fall sein, kann man vorsichtig die Streben durch leichten Druck in die gewünschte Stellung bringen.

Schritt 7: Der Schirm ist fertig. Für eine Doppeloptik, wie ich sie hier genäht habe, erstelle ich einen zweiten Bezug in einem Kontraststoff und in gekürzter Länge. Dieser wird dann, an dem ersten Bezug mit ein paar Nähten fixiert. Dekorationen aller Art können anschließend angebracht werden.

 

 

 

 

 

 

 

Zusammenfassung:

Stoffverbrauch: ca. 0,5 m2 aus Reststücken (einfacher Stoffbezug ohne Rüschen)

Schwierigkeitsgrad: ambitionierte Anfänger / Fortgeschrittene

Dauer der Fertigung: ca. 10 h (einfacher Schirmbezug, deutlich mehr bei aufwendigen Verzierungen)


 

Language of the parasol – Flirten mit dem Schirm

Foto: as-pictures (Alain Sergeys)

In der viktorianischen Ära wurde subtil und diskret geflirtet. Die Damen mussten ihren Ruf schützen und es vermeiden als kokette Frau oder leichtes Mädchen verrufen zu werden. Um trotzdem nonverbale Hinweise zu geben, bediente man sich des allgegenwärtigen Zubehörs, des Sonnenschirms. Der Schirm (wie auch der Fächer) wurde hauptsächlich unter Teenagern benutzt, da es ihnen nicht gestattet war, sich frei mit dem Objekt ihrer Begierde zu treffen.

(Das Ganze sollte mit einem Augenzwinkern gesehen werden. Obwohl die Anleitung in der Zeitung (s. Quelle) gedruckt wurde, kann man heute nicht mehr sagen, inwieweit sie tatsächlich Anwendung fand.)

 

Hier ein Auszug:

Tragen des Sonnenschirmes erhöht in der linken Hand
Wunschbekanntschaft

Tragen des Sonnenschirmes erhöht in der rechten Hand
– Sie sind zu forsch

Tragen des Sonnenschirmes geschlossen in der linken Hand
– Treffen an der ersten Kreuzung

Tragen des Sonnenschirmes geschlossen in der rechten Hand – Folge mir

Tragen des Sonnenschirmes über der rechten Schulter – Du kannst mit mir sprechen

Tragen des Sonnenschirmes über der linken Schulter – Du bist zu grausam

Sonnenschirm schließen – Ich möchte mit dir sprechen

Sonnenschirm fallen lassen – Ich liebe dich

Ende an die Lippen tippen – Liebst du mich?

Zusammenfalten – Befreien Sie sich von Ihrer Gesellschaft

Sonnenschirm auf der rechten Wange ruhen lassen – Ja

Sonnenschirm auf der linken Wange ruhen lassen – Nein

Sonnenschirm auf die Hand schlagen – Ich bin sehr unzufrieden

Sonnenschirm am Griff auf der linken Seite hin und her schwingen lassen – Ich bin verlobt

Sonnenschirm am Griff auf der rechten Seite hin und her schwingen lassen – Ich bin verheiratet 

Sonnenschirm als Fächer verwenden – Stellen Sie mich Ihrer Gesellschaft vor

Sonnenschirm herumwirbeln – Vorsicht, wir werden beobachtet

In der linken Hand drehen – Ich liebe einen anderen

Griff zu den Lippen führen – Küss mich

Quelle: Language of the parasol