Nähkästchengeplauder – Seaside Costume #0116 von Black Snail Patterns

Foto: Jules H. Aetherton

Historischer Hintergrund:

Foto: Woman’s Seaside Ensemble (Overdress and Petticoat) – LACMA – https://collections.lacma.org/node/214598

Die Seaside Kleider der 1870er wurden vor allem an der Promenade und auf dem Land getragen. Ihre Form glich denen der Ausgehkleider dieser Zeit. Gefertigt wurden sie aus Stoffen und Farben, die nicht so schnell von Salzwasser und der Meeresluft angegriffen wurden, damit sie nicht spröde wurden oder verblassen konnten.

Quelle: The Art of Dressing Well: A Complete Guide to Economy, Style and Propriety of Costume by S. Annie Frost https://www.amazon.com/Art-Dressing-Well-Complete-Propriety/dp/026528385X

 

 

 

 


Beschreibung:

Schnittmuster für ein viktorianisches Seaside Kleid der 1870er bestehend aus Rock und Oberteil.

Schnittmuster:

Foto: Black Snail Patterns

Kauf: PDF – Download über Etsy, Ausdruck in DIN A4 auf haushaltsüblichem Drucker.

(Link: https://www.etsy.com/de/listing/264380788/viktorianisches-kleid-seaside-costume?ref=shop_home_active_9 )

Preis: 10,71 €

Hier lohnt es sich auch auf die immer wiederkehrenden Rabattaktionen zu achten, die der Shop anbietet.

Größe: Mehrgrößenschnitt, zur Auswahl stehen Größe EU 34-44 und EU 46-56.

 


Seaside Costume:

Foto: Jules H. Aetherton

Bei Schnittmustern, die ich zuvor noch nie genäht habe starte ich immer mit einem Probeteil. So kann ich sehen, wie gut ich mit der Beschreibung zurecht komme, ob es Änderungs- bzw. Anpassungbedarf gibt und ob die gewählte Größe auch wirklich passt. Dabei ist es ratsam einen Stoff zu verwenden, der in seinen Eigenschaften dem eigentlichen Stoff gleich ist oder zumindest sehr nahe kommt, um materialbedingte Variationen auszuschließen. In diesem Fall habe ich mich für einen leichten Bauwollstoff entschieden. Hier kann ich auch gleich die Frage klären: Was passiert mit den Probeteilen, wenn das Stück fertig ist? Meine werden soweit irgendwie möglich weiterverwendet. Es kommt mir sehr gelegen, das es in der viktorianischen Zeit üblich war Unterröcke zu tragen, denn so endet das Mockup für den Rock zumeist als Unterrock.

 

 

 

 

 

Basisrock mit Saumrüsche:

Foto: Jules H. Aetherton

Vor dem Nähen wird noch ein bisschen gebastelt. Von den ausgedruckten Schnittmusterteilen haben einige noch nicht ihre endgültige Länge und müssen erweitert werden. Für interessierte habe ich am Ende des Artikels eine kleine „how to“ Bilderanleitung angehängt.

 

Die Fertigung des Rocks ist sehr einfach. Alle Rockteile werden in der richtigen Reihenfolge an einander genäht und mit Bund und Saumrüsche versehen. Zwei „Specials“ gibt es aber doch, die ich hier erwähnen möchte:

Zum Einen sieht das Schnittmuster eine, wie ich finde, optisch sehr ansprechende Verschlusslösung für den Rock vor. Die Haken und Ösen werden mit Beleg und Untertritt eingefasst. Die Arbeitsschritte sind in einer Bilderanleitung festgehalten, die ich persönlich sehr gut nachverfolgen konnte.

 

Foto: Jules H. Aetherton

Zum Anderen sind für das Rückteil des Rocks Cartridge Falten vorgesehen. Ich glaube, dass die deutsche Übersetzung dafür Patronenfalten lautet, aber sicher bin ich nicht. Falls jemand von Euch eine andere Bezeichnung kennt, dann schreibt mir doch bitte. Für ein schönes Ergebnis muss man sehr regelmäßig und akkurat arbeiten. Mich hat zwischendurch die Geduld verlassen und so sind es dann doch Maschinenfalten geworden.

Für alle, die sich gerne einmal an dieser Technik versuchen wollen habe ich hier einen Link zu Jennifer Rosbrughs Tutorial.

Fazit Rock:

Um über eine Käfigkrinoline zu passen ist der Schnitt im vorderen Bereich zu eng gehalten. Da mir das Musterteil jedoch zu groß war, konnte ich die überschüssige Weite im vorderen Bereich zu Falten legen. Sollte ich mich doch noch dazu entscheiden die Krinoline zu machen würde der Rock jetzt darüber passen. Momentan trage ich ihn über einer „Imperial Tournure„, die zeitlich deutlich später angesiedelt ist, was auch ohne die zusätzlichen Falten problemlos wäre.


Oberteil:

Rückseite ungerafft, Foto: Jules H. Aetherton

Hier wurde es dann leider etwas Unübersichtlich. Die Anleitung, besonders das untere Rückenteil betreffend, hat nicht immer detaillierte Informationen hergegeben und man musste sich etwas durchwurschteln. Aber mit den Bildern als Orientierung und mit beherztem Einsatz des Nahtauftrenners hat es dann doch geklappt und ich bin mit dem Ergebnis wirklich zufrieden.

Oberteil Innen, Foto: Jules H. Aetherton

 

 

Oberteil Innen Detail, Foto: Jules H. Aetherton

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ärmel:

Die machen mir immer wieder Probleme und ich glaube, dass es an mir liegt. An diesem Punkt musste ich die meisten Änderungen vornehmen (s.u.). Ich habe große Teile der Schulter abgenommen und das Armloch großzügig geändert, aber witzigerweise hat der Ärmel nach meiner Rekonstruktion absolut perfekt in das Loch gepasst. Also, alles gut.


Zusammenfassung:

Verwendeter Stoff:

Oberteil: 100% Baumwolle (Baumwollsatin)
Rock: Baumwollgemisch
Futter: 97% Baumwolle, 3% Elastan

Stoffverbrauch:

laut Anleitung benötigt man: EU 34-44: 10m bei einer Breite von 130cm und EU 46-56: 11m bei einer Breite von 130cm. Kommt gemusterter Stoff zum Einsatz, schneidet man die Rüschen schräg zum Fadenlauf und dafür benötigt man einiges an Stofflänge. Die Angaben kommen ganz gut hin. Bei unifarbenem Stoff käme man auch mit weniger aus.

Größe:

Da das Kleid über einem Korsett getragen wird, ist die Taillenweite bereits reduziert. Wie ich aus meiner vorhergehenden Erfahrung mit Black Snail Patterns wusste, habe ich das Schnittmuster eine Nummer kleiner gewählt, als die Größe, die ich laut der Maßtabelle hätte haben müssen. Trotzdem ist das Kleid, besonders an Taille und Bauch, zu groß geworden. Ich trage es jetzt ohne Korsett.

Schnittmuster:

Einige Teile des Schnittmusters müssen nach dem Druck noch zusätzlich verlängert werden und für die Saumrüschen und Verzierungen muss man die Schnittmuster selbst herstellen.

Anleitung:

Nicht alles ist ausführlich erklärt und innerhalb der Anleitung kommt es zu Sprüngen, so dass ich manchmal Teile verpasst habe, weil sie an einer anderen Stelle erklärt wurden. Die Anleitung ist mit Zeichnungen versehen, die das Verständnis deutlich erleichtern.

Für diejenigen, die die Anleitungen von Firmen wie Butterick, McCalls und Simplicity gewohnt sind, wird die Anleitung eine Herausforderung darstellen. Wer aber schon mit Truly Victorian oder Reconstructing History gearbeitet hat, sollte kaum Probleme haben.

Schwierigkeitsgrad:

Fortgeschritten laut Black Snail Pattern. Dieser Einschätzung schließe ich mich an.

Dauer der Fertigung:

Komplettes Kleid incl. Mockup ca. 60 h


Änderungen:

Kragen:

Foto: Jules H. Aetherton

gekürzt um ca. 1/3 der ursprünglichen Schnittmusterbreite. Diese Entscheidung beruht ausschließlich auf einer persönlichen Vorliebe für kurze Kragen, obwohl sie in diesem Fall historisch korrekt ist. Die Kragen der Kleider wurden zu dieser Zeit kurz getragen.

 

 

 

 

 

Schultern / Ärmelloch:

Foto: Jules H. Aetherton

an der Schulter musste ich im vorderen und oberen Teil 5 – 7 cm wegnehmen, da sich dort der Stoff sehr geknubbelt hat, wenn der Arm locker herunter hing und mich behindert hat, wenn ich die Arme ausstrecken wollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Naht Rückenteil / seitliches Rückenteil:

auch hier musste ich ca. 4 cm Stoff wegnehmen und die Nahtlinie ändern, weil es dort einen Stoffknubbel gab.

 

 

 

 

 

 

 

 

Manschetten:

Foto: Jules H. Aetherton

um ca. 1/2 gekürzt. Die Breiten haben mir nicht so gut gefallen.

Vorderes Oberteil:

meine Version ist vorne komplett zum Knöpfen, weil ich es praktischer fand.

Rockbund:

enger gemacht, da er mir sonst zu groß gewesen wäre.

Oberer Rockteil:

durch die überschüssige Breite habe ich im vorderen Teil zusätzliche Falten eingefasst.

Saumrüsche:

der Rock ist auf eine Körpergröße von 168 cm angelegt, was perfekt passen würde, ohne Schuhe. Damit der Rock in hohen Schuhen nicht zu kurz wird, habe ich die Saumrüsche entsprechend verlängert.


Würde ich dieses Schnittmuster nochmal nähen / Anderen empfehlen?

Mein Unterbewusstsein hat ohne meinen Terminplan zu konsultieren beschlossen, dass wir dieses Kleid mit kurzen Ärmeln brauchen. Unter Einbeziehung der zuvor beschriebenen Änderungen habe ich es auf meine „to sew“ – Liste gesetzt. Also: JA!

Nähanfängern würde ich für den Anfang von diesem Schnitt abraten, da er doch relativ viel Vorwissen voraussetzt und die Anleitung nicht optimal ist. Aber allen, die schon etwas Erfahrung im Umgang mit historischen Schnitten mitbringen und sich nicht vor kleinen Anpassungen scheuen, würde ich diesen Schnitt ans Herz legen, da mich das Ergebnis sehr zufrieden gestellt hat und besonders die Rückseitenoptik den Aufwand wirklich wert ist.

Foto: Clara Lina Wirz; Bonnet: Bepstyle

„How to“ – Schnittmuster verlängern:

Foto: Jules H. Aetherton

Man braucht:

das ausgedruckte Schnittmuster, ein Geodreieck, einen Bleistift, eine Schere, Papier für die Verlängerung, Tesa und eine sehr langes Lineal (oder auch einen langen Stock, was auch immer langes, gerades zur Hand ist).

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Das Schnittmuster an der markierten Stelle schneiden.

 

 

 

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Ein Papierstück in der nötigen Länge und mindestens so breit wie der breiteste Teil des Schnittmusters vorbereiten.

 

 

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Oberes Schnittmusterteil gerade auf dem Papierstück ausrichten. Dazu kann man sich an der Unterkante und seitlichen Kante orientieren, oder wahlweise mit dem Geodreieck arbeiten.

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Die nötige Länge abmessen und eine gerade Linie ziehen.

 

 

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Das untere Schnittmusterteil an der Linie ausrichten, befestigen und die im Schnittmuster markierte Seitenlinie verbinden.

 

 

 

Foto: Jules H. Aetherton

Das überschüssige Papier wegschneiden. Fertig.