Gelesen: „H.P. Lovecraft – Das Werk“ von Leslie S. Klinger

GGG steht für „Gesehen, Gelesen, Gehört“ und soll euch einen kleinen Einblick gewähren, wo sich unsere Autoren privat  so rumtreiben. Immer Montags wird hier von den „G“s berichtet, wobei diese auch gegen „Gefunden, Gespielt, Genäht“ oder ähnliches ausgetauscht werden können. Die hier wiedergegeben Meinungen spiegeln ausschließlich die der Autoren wieder und entsprechen nicht zwangsläufig denen der Redaktion.
Diese Woche: Thorsten Küpers  Gelesen

Einige Leser wissen um meine Neigung, mich zuweilen über so eben gelesene Bücher in Form kleiner Resümees zu äußern. Diese fallen für gewöhnlich mehr knapp als weitschweifig aus, mögen sich je nach Qualität des von mir besprochenen Werkes auch durch eine gewisse nicht zu leugnende Respektlosigkeit auszeichnen, sind jedoch von mir niemals in anmaßender Weise als fachmännische literarische Beurteilung intendiert.
Im vorliegenden Fall jedoch, nach dem Genuss – und als solchen habe ich es wahrgenommen – des Werkes eines jungen, hoch begabten Autors, fühle ich mich verpflichtet, meine Ausführungen nicht nur weitschweifiger zu gestalten, sondern sie auch noch als Zeichen meines Respektes auf eine Weise zu verfassen, wie wir es von einem Zeitgenossen eben dieses jungen Mannes erwarten dürften.
Verlegen um die literarische Meisterschaft jenes Genies – anders kann ich den Urheber solch wunderbarer Geschichten nicht nennen – wird mein Versuch, mich eben dieser herrlichen Sprache zu befleißigen vermutlich wohlwollend als ungelenk beschrieben werden, während andere Kenner des hier besprochenen Werkes mich einen Narren schelten dürfen. Dies nehme ich als zusätzliche Verneigung vor den Meister in aller Entschlossenheit hin.
Zu verdanken habe ich jene literarische Erfahrung, die mich zum Verfassen dieser Zeilen bewogen hat, allein der Aufmerksamkeit und dem für außergewöhnliche Bücher geschärften Blick meiner wundervollen Gattin, die in einem kleinen, zwischen eine verlockend duftende Kaffeerösterei und einen bezaubernden Blumengeschäft geschmiegten Buchladen in Providence (es war eigentlich Mettmann, aber das klingt hier einfach nicht; Anmerkung des Redakteurs) auf einen großformatigen Prachtband unter dem verheißungsvollen Titel „H.P. Lovecraft – Das Werk“ gestoßen war. Mit einem kühnen Winkelzug ist es ihr gelungen in den Besitz eben dieser fabelhaften Kostbarkeit zu gelangen, ohne dabei meine Aufmerksamkeit zu erregen. Um so größer meine Freude, als sie mir besagten Titel anlässlich meines 48. Geburtstages überreichte, sich mit Recht gewiss, dass sie meinen Geschmack nicht verfehlt haben würde.
Ist allein das Format dieses üppigen Buches imposant, so fällt sein inhaltlicher Umfang noch deutlich überwältigender aus. Der Prachtband beansprucht vorgeblich und viel zu bescheiden, den Ziffern auf der letzten Seite nach, nur 911 Seiten. Doch eröffnet sich dem Leser die wahre Fülle in Gestalt umfangreicher Randnotizen, die dem Werk eine zusätzliche Dimension verleihen und die zu studieren man sich unbedingt die angemessene Zeit nehmen sollte. Auch wenn dies den Strom mancher Geschichte etwas verlangsamen mag, wird eine Lovecraftsche Mär doch immer so mitreißend bleiben, dass Erlebnis und Lesegenuss weder getrübt noch gebremst werden.
Oh ja, es sind erschreckende Alpträume, die der junge Howard Philips Lovecraft in seinem schöpferischen Hirn ausbrütet, und wir wissen stets von Beginn an, dass eine Geschichte unerbittlich konsequent auf ein schlimmes Ende zusteuert wie ein führerloses Schiff unter Volldampf auf, dem Rückenkamm eines Ungeheuers gleiche, Felsen vor der Küste eines düsteren Kontinents.
Die Enigmen hinter seinen Schauertragödien sind filigran konstruiert und ergötzen sich an verspielten Details, wann immer er wohlbekannte Orte aus seiner eigenen Wirklichkeit und Autobiographie stilvoll in die Handlung einflechtet, Lovecraft knüpft Fäden, in die mancher seiner Zeitzeugen sich eventuell verwickelt sieht. Vor allem sind es Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller seiner Zeit, denen er kleine Gastspiele gönnt, oder die er geschickt als Inspiration kenntlich macht. Zu deren Gefallen oder Verdruss, wir werden es in den meisten Fällen niemals erfahren.
Lovecraft ist kein Freund der Knappheiten und ergeht sich mit unverhohlener Wonne daran, zuweilen labyrinthisch verschnörkelte Satzungetüme zu erschaffen, die ähnlich liebevoll gestaltet sind, wie die stets ausschweifend detailliert vom ihm beschriebenen Entitäten des Grauens, die erst dann auf den Leser hetzt, wenn er sich sicher ist, dass wir das ganze Grauen erfasst haben, das uns soeben überfällt. Freunde der präzisen Kurzform mag sein exzessiver Adjektivgebrauch missfallen, ich hingegen bin ihm dankbar dafür, wie viel Kraft er in geeignete Worte investiert, um den Zaubertrick zu vollbringen, der seine Fantasie auch zur meinen macht.
Aber es sind nicht die Worte allein, sondern deren elegante Komposition, die ihm so leicht keiner nachmachen wird.
Gleich einer Fabrik bringt Lovecrafts Geist am Fließband diese wohlig furchtbaren Märchen für den erwachsenen Leser hervor, die uns mit Ideenreichtum aber auch ehrfurchtgebietender Sprachgewalt zum Weiterlesen zwingen, wie unter dem Bann eines Dämons, der seine Sklaven vermittels des geschriebenen Wortes zu kontrollieren vermag.
Doch welche Energie treibt Lovecrafts kreative Maschinerie an, während sie all diese Schrecknisse hervorbringt?
Mag der Meister selbst dies leugnen, so wohnt seinem Werk unleugbar die tief verwurzelte Furcht vor allem Fremden inne, gern stark kontrastiert durch die Schönheit der geliebten Heimat, die er fast immer zur Bühne für seine schauerlichen Tragödien macht. Jene Xenophobie speist bei Lovecraft eine tiefe Abneigung gegen alles Fremdländische, für die man einen so intelligenten Mann gern energisch zurechtweisen möchte, vor allem in Zeiten wie den heutigen. Seine Angst vor dem Anderen ist aber auch die nie versiegende Quelle seiner überwältigenden Kreativität, die, eigentlich eine Schwäche, ihm nun als Stärke dient.
So sehr ich Lovecrafts private Denkweise in manchen Belangen verabscheue, so sehr verehre ich doch seine Schaffenskraft und Fähigkeit, meine eigene schwerfällige Imagination wie mit einem mentalen Cinematographen zu illuminieren und mit einer Varietetruppe furchtbarster Chimären zu bevölkern, die mich bei Tage zum Lächeln bringen, nächtens jedoch heimsuchen werden.
Wie glücklich ich mich schätzen würde, auch nur ein einziges Mal mit diesem Genie zu korrespondieren – wobei ich ihm durchaus hinsichtlich seiner Ansichten den Kopf zurechtzurücken versuchen würde – doch ist es dazu wohl zu spät. Der außergewöhnliche Schriftsteller hat uns bereits vor geraumer Zeit verlassen und dies, so bleibt zu hoffen, nicht in jene finsteren Sphären, in die er seine bedauernswerten Protagonisten so gern zu unser aller sadistischem Vergnügen stürzt.
Was verbleibt ist sein Werk und das ist epochal.
Es war mir eine Freude, eine Ehre und eine große Inspiration, ihre Arbeit kennen zu lernen, Howard Philips Lovecraft.
Ich verneige mich und halte diesen Prachtband in Ehren in meiner eigenen Bibliothek zwar nicht verbotener aber herrlicher Bücher.