Interview mit Comiczeichner Felix Mertikat

Felix Mertikat ist vielen Steampunks bekannt durch seine Projekte „Opus Anima“ und „Steam Noir“.
Im Interview berichtet er, wie er zum Comiczeichnen kam, von seinen Einflüssen und neuen Projekten.

Felix Mertikat, Foto von Katja Pfister
Felix Mertikat, Foto von Katja Pfister

Felix, wie bist du zum Comiczeichnen gekommen? Das war ja nicht deine erste Berufswahl…

Meine erste Berufswahl war Biologe und dachte mir dann, dass ich als Concept Artist und Illustrator, eigentlich ein ganz schönes Leben haben würde…und dann kam der Comic dazwischen, der mich seitdem mit seiner Magie nicht mehr losgelassen hat.

Wer hat dich dabei beeinflusst, bzw. hast du Vorbilder? Die Graphic Novel „Steam Noir“ wird ja gern mit franco-belgischen Comics verglichen. Manche der Rückblenden in Band 4 von Steam Noir haben mich an expressionistische Stummfilme und alte Scherenschnitte erinnert…

Du fasst die Einflüsse schon ganz gut vorweg. Tatsächlich habe ich mich sehr stark im europäischen Stil zuhause gefühlt und weniger im US-Stil. Am Ende war der Wunsch da, dennoch etwas Neues zu gestalten, vielleicht eine eigene Note darin zu finden. Stark inspiert haben mich vor allem Filme wie „Delicatessen“ und „Die Stadt der verlorenen Kinder“. Vom Erzählen komme ich sowieso aus dem filmischen, weswegen meine Panels und die Bildgestaltung einer natürlichen Kamera sehr nahe kommt- wohl ein Erbe meiner Arbeit als Storyboarder.

Die Comicserie Steam Noir ist sehr vielschichtig. Sie erzählt einen phantastischen Krimi in einer bizarren Welt mit ganz besonderer, beseelter Technik, aber sie philosophiert gleichzeitig auch über das Sterben und was nach dem Tod kommt – und das auf eine Weise, die an grotesken Gothic Horror erinnert. Was den Hintergrund der Geschichte angeht, gibt es viele Parallelen zu deinem Rollenspielsystem „Opus Anima“, an dem du mit Tim Bröstl 12 Jahre lang gearbeitet hast.

Grotesker Horror hat eine Faszination, die mich nicht losgelassen hat. Die Verunstaltung von Menschen, das hat eine zeichnerische Begeisterung für mich seit jeher. Opus Anima war da für mich ein riesiges Versuchsfeld. Ein Rollenspiel bietet dafür sehr viel Raum, da die Bilder nie in einem narrativen Zusammenhang stehen müssen, kann man losgelöst voneinander Ideen und Konzepte darstellen. 12 Jahre Entwicklung bringen zudem Ideen zu Tage, die man nicht einfach aus dem Ärmel schüttelt. Die Hauptaufgabe war es vielmehr, das vorliegende Material auszudünnen, es erzählbar und verstehbar zu machen…etwas das manchmal härter ist, als Neues zu entwickeln. Man versteht danach „Kill your darlings“ nochmal ganz neu.

Aus "Steam Noir" copyright: Felix Mertikat
Aus „Steam Noir“ copyright: Felix Mertikat

Hattest du schon bei der Veröffentlichung von „Opus Anima“ 2008 die Idee, eine Geschichte wie „Das Kupferherz“ als Graphic novel zu erzählen, oder wie ist das zustande gekommen?

Nein, gar nicht. Wir wollten eigentliche weiter Rollenspielbücher zu Opus Anima machen, das ist aber aus vielerlei Gründen dann gescheitert. Stattdessen hat die Arbeit an meinem ersten Comic „Jakob“ in Zusammenarbeit mit Cross Cult die Chance geboten, Steam Noir zu entwickeln. Ursprünglich hieß es sogar noch Opus Anima Comic, aber geplant war es nie. Im Gegenteil.

Aus "Steam Noir" copyright: Felix Mertikat
Aus „Steam Noir“ copyright: Felix Mertikat
Hirschmann_Felix_Mertikat_2015
Herr Hirschmann aus „Steam Noir“, copyright: Felix Mertikat

Am Gratiscomictag 2012 erschien im „The walking dead“ Heft eine fünfseitige Comic-Kurzgeschichte von Verena Klinke und dir, welche ebenfalls im Steam Noir Universum spielt – „Zeitenwende“. Plant ihr noch weitere Steam Noir Geschichten als Comic?

Ja das würden wir sehr gerne. Es gibt bereits Ideen und erste Skizzen, wir warten nur noch den richtigen Zeitpunkt ab, diese umzusetzen. Es wird dabei wohl in einem noch nicht näher beschrieben Land in unserer fiktiven Welt spielen, aber zu viel verraten will ich da auch nicht.

Das klingt spannend. Ihr habt ja auch Spiele entwickelt; das Kartenspiel „Steam Noir: Revolution“ ist 2013 als Crowdfunding Projekt erfolgreich finanziert worden. Bitte erzähle uns etwas über das neue Brettspiel „Steam Noir: Kalendarium“.

Du bist gut informiert :) SN:Kalendarium ist ein Spiel für 3-6 Spieler und man kann damit die Geschehnisse und Herausforderungen um die Blinden Tage erleben. Die Spieler haben danach gesagt, dass sie jetzt viel besser die Gefahren der Blinden Tage verstehen, da jeder von Ihnen über ein „Regierungsgebiet“ verwaltet und trotz Kooperation, muss man genau abwägen, welche Gebäude man errichtet um den nächsten Blinden Tagen zu trotzen, wieviele Bizarromanten man zur Bekämpfung der Seelen einsetz. Das Spiel hat eine Spieldauer von 90-120 min. und würde ich als semi-kooperativ beschreiben. Der Clou: das Ganze spielt über 300 Jahre vor den Geschehnissen im „Kupferherz“ und bietet so einen neuen Blick auf die gleiche Welt. Beigelegt soll im Idealfall noch ein Kurzcomic sein. Wann das Spiel erscheint ist noch nicht klar.

Woran arbeitest du aktuell, wenn du soviel verraten darfst?
Wir konzipieren und entwickeln unseren neuen Comic „Koshu“, der mit einem 150 seitigen Einzelband ein Konterpunkt zu Steam Noir definieren soll. Außerdem wird er voller Farben sein, fast schon vor Buntheit strotzend. Wir, Verena Klinke und ich, erzählen die Geschichte von Suana, einem jungen Frau, die mit der einzigen Karawane der Wüste Bun mitreist, weil es die einzige Möglichkeit ist, um seine Heimatstadt zu verlassen un mehr von der Welt zu sehen. Wir erleben sehr viel Wüste und eine sehr persönliche Geschichte von Suana.
Daneben arbeite ich am Brettspiel Tsukuyumi-Full Moon Down. Der Mond ist im Pazifik gelandet und in ihm schläft ein gewaltiger weißer Drache der Kami „Tsukuyumi“. 99% der Menschheit ist verstorben durch die Landung des Mondes und so kämpfen die letzten Überleben nicht nur gegen die Schergen des Kami sondern auch gegen andere Spezies, die die freigewordene Position als Dominante Spezies für sich einnehmen wollen. Dabei können 3-5 Spieler zwischen 20 verschiedenen Fraktionen auswählen und etwa die auf zwei Beinen laufenden Schweinekrieger der Boarlords spielen, oder die Cybersamurai mit ihren Robotern und Drohnen, oder gar die Dark Seed, ein Metaorganismus aus Millionen von Insekten. Jede Fraktion verändert das Spiel grundlegend und bringt grundsätzlich andere Regeln und Konzepte ins Spiel, so dass man nie zwei gleiche Spiele spielen wird. Das Spiel soll per Crowdfunding finanziert werden. Mehr zu Tsukuyumi findet ihr auf www.kingracoon.de.

aus dem Comic "Koshu" . copyright: Felix Mertikat
aus dem Comic „Koshu“ . copyright: Felix Mertikat
Spiel "Alle Mann an Deck" copyright: Felix Mertikat
Spiel „Alle Mann an Deck“ copyright: Felix Mertikat
"Tsukuyumi - Full Moon Down" copyright: Felix Mertikat
„Tsukuyumi – Full Moon Down“ copyright: Felix Mertikat

Ich bin gespannt, dann den Kontrast zwischen „Koshu“ und „Steam Noir“ zu sehen und wünsche auch viel Erfolg für das neue Crowdfunding Projekt „Tsukuyumi“. Abschließend noch die Frage: Was ist für dich Steampunk, und was gefällt dir daran?

Steampunk ist vor allem das was jeder daraus macht. Es gibt nicht viele Genres, in denen die Facetten so vielseitig und offen ausgelotet werden, wie dieses, und so will ich mich selbst nicht festlegen, was genau es ist. Denn das Ungenaue ist der Reiz, den ich und viele andere Anhänger darin sehen: Schmuck, Dampf, Kostüme, Comics, Fahrzeuge – und vielleicht ist die einzige Gemeinsamkeit die Liebe zum Selbstgemachten und Ausprobieren. Das tüfteln und zeigen. Das präsentieren und genießen.