„[…] In 80 Tagen nur“, sagte Phileas Fogg – Ein Besuch im Theater

Hannover, 11. November 2017, Schauspielhaus

Der Jules Verne Klassiker „Reise um die Erde in 80 Tagen“ feiert Premiere als Kindertheaterstück und ist ausverkauft.

Ist doch logisch“ wird der ein oder andere Leser nun denken, aber in Zeiten von NETFLIX, POKÉMON und Co. erst einmal gar nicht so selbstverständlich.

Regie geführt hat Tilo Nest, der die Seele der Originalgeschichte erfasst zu haben scheint und seine Inszenierung mit viel Witz, Charme und originellen Ideen ausgestattet hat, welche dazu führen, dass gänzlich alle Termine ausverkauft sind.

Mittlerweile sind Zusatztermine bis in den Mai an die eigentlichen Spieltage angefügt, denn das Stück begeistert Jung und Alt gleichermaßen und hat sich unter Theaterfreunden herum gesprochen.

Damit stehe also auch ich, an einem der Zusatztermine, im Foyer des SCHAUSPIELs HANNOVER und warte gespannt auf den Einlass. Als die Türen aufgehen und die Masse in den Saal wabert, erklingen schon das erste „Oh“ und „Ah“, denn ganz klassisch verdeckt ein roter Vorhang die Bühne, der verheißungsvoll verbirgt, was hinter ihm wartet.

Wir nehmen Platz und es wird dunkel, der Saal atmet voller Erwartung tief ein.

Von den Seiten geht ein Quartett auf. Sie tragen Instrumente bei sich, sind aber (gespielt) nicht besonders mit Talent gesegnet, denn es braucht zwei Anläufe, bis das „20th Century Fox“ -Intro einigermaßen schmerzfrei rezitiert werden kann.

Dieses Stück erweist bereits zu Beginn Erfindergeist und Ideenreichtum und die kommenden neunzig Minuten werden sehr wahrscheinlich sehr vielversprechend.

Zu den Seiten hin verschwindet das Quartett wieder und der Vorhang hebt sich.

Wir blicken auf ein imposantes Bühnenbild. Der Saal des Herrenclubs, dem unser Hauptcharakter angehört, wird dargestellt: Mit hohen, grünen Wänden, gefliestem Boden und sehr viel Liebe zum Detail (Der Kenner wird jetzt an „realistisches Theater“ nach Tschechow denken). Eine große Weltkarte hängt in der Mitte der hinteren Bühnenwand, rechts oben befindet sich eine schlichte Zeigeruhr. Diverse Sessel, eine Theke und Tische stehen in der Mitte. Da hat jemand viel Liebe und Geist in die Entwicklung gesteckt und unwillkürlich tauschen meine Sitznachbarin und ich eine kurzen Blick:

Wie bauen die so ein großes Bühnenbild um, sobald Mr. Fogg London verlassen hat?

Jean Passepartout fällt krachend durch die Tür in den Saal, gefolgt vom geradlinigen, hochgewachsenen Phileas Fogg. Während Letzterer die Ruhe selbst zu sein scheint, dreht Passepartout völlig am Rad der Verzweiflung. Wir erfahren von ihm, dass unsere Hauptfiguren gerade von ihrer Reise heimgekehrt sind, dass sie verloren haben und sich eingestehen müssen, sich verschätzt zu haben.

Aha. Wir beginnen das Stück also von Hinten. Keine schlechte Idee, Herr Nest.

Wir erkennen außerdem, dass Passepartout als Vermittler zwischen Bühne und Publikum agiert. Ein Spaß für alle Kinder im Publikum, denn sie antworten fröhlich auf die (rhetorischen) Fragen des Dieners, der im Verlaufe des Abends öfter zwischen Bühnenrand und Spiel hin und her wechseln wird.

Dann passiert etwas Unerwartetes: Ein Stichwort fällt und ZACK! Das Licht verwandelt sich in Stroboskop, die Bühne spielt völlig verrückt. Die Uhr läuft in einem Affenzahn rückwärts, die Figuren durchleben eine Zeitreise und verlassen, ebenfalls rückwärts, wieder die Bühne und schon sind wir am Anfang der uns bekannten Geschichte angelangt.

Der Steampunk-Charakter, mit welchem in Hannover und Umgebung die Werbetrommel gerührt wurde, schimmert hier ganz klar durch.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf, beginnend bei der Wette zwischen Mr. Fogg und seinen Kollegen des Herrenclubs, über den Bankraub in London, hin zur zarten Liebesgeschichte zwischen Fogg und Aouda und schließlich zum glücklichen Ende aller Figuren.

Jede Szene spritzt nur so vor Ideen und sorgt im Laufe des Stückes immer wieder für reichlich Zwischenapplaus. Die Schauspieler um Silvester von Hösslin, der Fogg mimt, laufen auf Hochtouren mit Gesang, Tanz und Morsegeräuschen und auch das Bühnenbild, welches uns zu Beginn bezüglich seiner „Wuchtigkeit“ etwas überrumpelt hat, beweist seine geschmeidig-durchdachte Wandelbarkeit:

Anstelle verschiedener Settings, wurde sich mit dem, was da ist, etwas Neues geschaffen. So werden bestehende Requisiten benutzt, um die Reise dazustellen. Da verwandelt sich ein kleiner Beistelltisch in ein Kutter, welcher die Herren nach Paris bringt oder die Theke wird zu den verschiedenen Schiffen, erkennbar daran, dass ein Schauspieler einen Schornstein oben auf anbringt, umfunktioniert.

Jeder Moment ist gut durchdacht, es gibt Witze für Kinder und Witze für Erwachsene, alles begleitet von einem Augenzwinkern, aber mit ganz viel Liebe zum Detail. Mal ist es überdreht, mal ganz fein. Es wird auch nicht vor Fantasiesprache Halt gemacht und Länderklischees werden fröhlich bedient.

Die Schauspieler haben diebische Freude an ihrer Darstellung und diese Freude überträgt sich so sehr aufs Publikum, dass zwischendurch die Ränge kochen. Sogar die LGBT-Flagge schwebt einmal durchs Bild und Jules Verne-Freunde werden die Anspielungen auf „20000 Meilen unter dem Meer“ und „Von der Erde zum Mond“ freudestrahlend wieder erkennen. Nur ein oder zwei Mal tauchen Witze auf, die ein bisschen zu sehr aufs Fremdschämen gehen. Aber die wiegen nichts, im Verhältnis zum Rest der Inszenierung.

Alles in allem hat diese Inszenierung alles, was ein Erfinder – und Fantasiefreund so braucht. Ein liebevolles Bühnenbild, welches jede nötige Form annehmen kann, tolle Kostüme, charmante Wortwitze, kluge Ideen, einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung „Gegenwart“, eine ordentliche Prise Keckheit, Live-Musik und – besonders erwähnenswert – einige Mengen Glitzer!

Wer sich also auf einen turbulenten Abend einlassen möchte: Vier ausverkaufte Monate können nicht lügen. Packt eure Goggles ein, schnappt eure Taschenuhr und rauf aufs fliegende Bett Richtung Hannover.

Bereits bekanntgegebene Spieltermine sind:

04.03. So 17:00
18.03. So 17:00
02.04. Mo 17:00
11.04. Mi 10:30
29.04. So 15:00

Es folgen weitere.

Ein Trailer noch: [youtube]https://www.youtube.com/watch?v=tkQFjd4R8UY[/youtube]

 

Wir jedenfalls sind aus dem Theater gegangen, wie andere aus einem guten Kinoabend.

Eindeutig eingeheizt und leicht beschwipst von der guten Laune.

Tilo Nest und sein Ensemble haben ganze Arbeit geleistet und die Termine sind, zu Recht, ausverkauft.