Im Salongespräch: Marco Ansing

Heute dürfen wir im Salon Marco Ansing begrüßen. Der gebürtige Gießener ist Autor von phantastischen Geschichten und Hörspielen und widmet sein Schaffen zur Zeit der Projektleitung von „Die Letzte Instanz –  Ein Livehörspiel

Marco, wir hörten in den letzten Wochen einiges über dein Projekt: „Die Letzte Instanz –  Ein Livehörspiel“. Hörspiele hatten in den letzten Jahren wieder einen großen Aufschwung und Theaterstücke kennen wir auch alle zu genüge. Was brachte dich und dein Team darauf das ganze zu kombinieren und worum geht es in dem Stück überhaupt?

Kristina Lohfeldt und ich wollten unsere Fähigkeiten für ein innovatives Projekt zusammenwerfen. Wir sind beide eigentlich literarisch eher humorvolle Schreiber. Sie mit ihrem Roman „Too Bad To Be God“, ich mit meinen vielen Kurzgeschichten, z.B. „Kegeln mit der Apokalypse“. Dazu kam nun meine Fähigkeit als Skriptschreiber aus diversen Hörspielprojekten und das Theater lieben wir beide. Dann kombinierten wir das Ganze und die Idee eines Live-Hörspiels war geboren. Wir wollten nicht einfach eine Steampunkstory, wir wollten einen Krimi schreiben, der Parallelen zur heutigen Zeit setzt. Dazu sollte es Figuren mit Tiefgang, eine Intrige, etwas Mysterie, viel Humor geben und so entstand die „Letzte Instanz“. Um was geht es? Nun, vier Passagiere reisen mit einem Luftschiff, dabei hat jeder ein finsteres Geheimnis. Und ganz langsam kommt dieses ans Tageslicht, was die Reise zu einer echten Nervenprobe werden lässt. Schlimmer noch, irgendetwas auf dem Schiff stimmt nicht. Spukt es etwa? Mehr darf und will ich nicht verraten.

Wie man in euren Blogposts erfährt, hast du dir einige gute und nicht gerade unbekannte Leute ins Boot geholt. Kannst du uns ein wenig über die Beteiligten in dem Projekt erzählen?

Aber natürlich. Kristina Lohfeldt hatte ich ja schon erwähnt. Sie ist die Mitautorin und zugleich Schauspielerin der Figur „Elsa Stahl“, eine renitente Frauenrechtlerin aus dem Arbeiterschicht. Daneben spielt Martin Sabel, bekannt aus diversen Hörspielen (Arwinger, Geisterschocker, Dorian Hunter, der Fluch, Caine, Drizzt,  Dragonbound, etc.) den Herman Kühn, einen sehr umtriebigen Reporter, der seine Nase in alles hineinsteckt. Der preußische Soldat Friedrich Adalbert vom Lehn, zu dem es auch ein Minicomic mit seiner Vorgeschichte gibt, wird von zwei Personen gespielt: Detlef Tams vertritt ihn auf unserer CD. Auch er ist bekannt als Sprecher (Dorian Hunter, Die drei ??? – Kids, Larry Brent, Hamburg-Krimis u.v.a.), mehr jedoch als Schauspieler in Hamburg. Carsten Krabbe stellt die Figur bei unserer Live-Inszenierung dar und ist Profisprecher (Radio, aber auch NDR, ZDF, arte und andere). Wiba Stein spielt unsere Chantal LaGrande, Tänzerin und Medium, und singt live auf der Bühne. Sie ist vielen bekannt als Musikerin der Band Drachenflug. Sie bringt jede Menge Bühnenerfahrung mit , so war sie bereits in “Soul Kitchen”, “Notruf Hafenkante” und “Liebe deinen Feind” zu sehen. Geräuschetechnisch werden wir durch Evie Ex Machina und Natalia Obscura, Mitglieder der Band Drachenflug, unterstützt. Sie klappern mit Geschirr, werfen mit Besteck, bewegen Schuhe, feuern Schüsse ab, lassen es explodieren und gebe jede Menge Dampf. Überhaupt bin ich überglücklich, dass die gesamte Band dabei ist: Michael, Freiherr von Dunkelfels, komponierte zum Beispiel die dramaturgische Musik für jede Szene und natürlich die Titelmelodie. Zum Schluss gibt es auf der Bühne noch unseren Techniker Lars „Mac“ Hoese, der durch seine Arbeit hinter der Mischanlage quasi zum Ensemble gehört. Und nicht vergessen darf man Wey-Han Tan, unseren Illustrator, der das tolle Artwork entworfen hat. Dazu kommen noch diverse Organisatoren, denen ich für ihre Mühe zu tiefem Dank verpflichtet bin.

Das Steampunkgenre ist gerade hoch im Kurs und viele wunderbare Projekte erblicken das Licht der Welt. Was war euer Beweggrund genau dieses Genre zu wählen und wie erklärst du dir die momentate Beliebtheit von Steampunk?

Seit ich durch meine Kurzgeschichte „Der  Automatenimbiss“ immer stärker in die Steampunkszene drang und  spätestens durch den Aethercircus 2012 die Band Drachenflig  kennenlernte, wurde klar: Steampunk sollte es sein. Schon immer habe ich  mich innerhalb von Storys aus dem 19. Jahrhundert, seien es Filme, Comics oder Romane, wohlgefühlt. Ich gebe zu, dass ich mit dem Projekt auch etwas beweisen wollte: Steampunk und Hörspiel ist kein Gegensatz und live auf der Bühne passt es auch. Jules Vernes Zeit interessiert jeden.
Die Beliebtheit von Steampunk entsteht wohl durch die ungenaue Definition, die es ermöglicht, dass jeder seine eigene Sicht des Themas hat. Im Grunde ist es vor allem der Drang sich aus der Massenproduktion abzukapseln und sich zu individualisieren. Jeden Steampunk, den ich treffe, kann ich Künstler nennen. Denn ob er selbst Schmuck bastelt, schreibt, musiziert, schneidert, schraubt oder sich Gedanken über die Ausstattung seines Picknickkorbes macht, am Ende ist es immer eine Kunstform, die ausgedrückt werden möchte. Steampunk erlaubt schöpferisch tätig zu sein und gibt als einzige Regel vor, dass es irgendetwas mit dem 19. Jahrhundert zu tun haben soll.

Wie wichtig ist es dir, wenn man Teil einer Szene ist, welches Genre auch immer, daß man aktiv etwas dazu beiträgt?

Die Szene lebt ja von Ihren einzelnen Mitgliedern. Jeder kann etwas tun, und wenn es nur die Begeisterung für etwas ist. Es gibt im Steampunk viele Bastler, die tolle Geräte bauen. Ihnen eine ehrliche Meinung zu geben , hilft den Leuten voran zu kommen. Und das hilft der gesamten Szene. Als kleines Beispiel möchte ich hier die „Machina Nostalgica„-Ausstellung nennen, die am 17. August in Itzehoe ihre Tore öffnet. Mal reinschnuppern lohnt sich, besonders, wenn man sich davor steampunkfit auf unserem Livehörspiel gemacht hat.

„…Jules Vernes Zeit interessiert jeden…“ Denkst du, daß man aus dieser Zeit etwas für unsere Zeit mitnehmen kann? Kann sie Einfluß haben auf unser Leben, Umgangsformen, soziale Strukturen und andere Werte?

Ganz klar: Jules Verne war ein Visionär. Er erfand in seinen Werken Maschinen und Ideen, die zu jener Zeit Science-Ficiton waren, heute aber unlängst Realität sind. Die Zeit war berühmt durch Ihre krassen Widersprüche. Auf der einen Seite der stetige technische Fortschritt, andererseits die sozialen Gegensätze. Was man mitnehmen kann, ist ganz klar der Gedanke der Modernisierung: Es muss besser werden. Doch müssen wir es natürlich mit der Ethik unserer Gegenwart kombinieren. In Jules Vernes Zeit waren Frauen alles andere als gleichberechtigt, Rassismus gehörte zur Tagesordnung und Hunger war alltäglich. Jules Verne zeigt vor allem die Welt der Oberschicht. Trotzdem sind uns allen die Abenteuerromane bekannt. Für uns sollte es vor allem das Streben wichtig sein, das Streben nach einem individuellen Ziel: Im Steampunk nach sogenanntem Victorian Science-Ficition, bzw. Retrofuturismus.

Du hast dich für Crowdsourcing als Finanzierungsmethode entschieden. Was hält du grundsätzlich von diesem Verfahren? Denkst du, es ist die Finanzierungsoption der Zukunft? Funktioniert es am Ende gar für jede Art von Projekt?

Crowdfunding oder Crowdsourcing ist vor allem erstmal die Möglichkeit, ein Produkt vorzustellen, dass sich nicht am Massenmarkt orientiert, sondern äußerst individuell ist. Dann wird sich zeigen, ob sich eine gewisse Masse an Menschen für dieses Projekt begeistern kann. Dazu gehört natürlich, dass sich die Projektgruppe dahinter gut verkauft. Der Künstler muss erfahrbar werden für den Unterstützer. Mit Hilfe der Crowd können völlig neue Wege gegangen werden, die im kommerziellen Einerlei nicht möglich wären. Für unser Projekt heißt das vor allem viel Arbeit: werben, bekannt werden, überzeugen und immer wieder auf sich aufmerksam machen. Wir haben jede Menge Live-Events geplant, drehen Videos und basteln an den „Dankeschöns“. Und das ist ja das besondere am Crowdsourcing. Man sucht nicht einfach Spenden, sondern jeder, der unterstützt, bekommt etwas dafür. Und ohne diese Unterstützung funktioniert es nicht.Ich glaube nicht, dass es für jedes Projekt klappt und ich denke auch nicht, dass es das Modell der Zukunft ist. Aber es ist eine Möglichkeit etwas neben dem Mainstream einem speziellen Publikum zu präsentieren und es umzusetzen.

Die geplante große Inszenierung am 10.8. ist nicht euer erster Auftritt. Wie liefen die bisherigen und was für ein Feedback bekamt ihr vom Publikum?

Wir haben bisher immer Kurzversionen gespielt, etwa auf der NordCon in Hamburg, einer Brett- und Rollenspielconvention. Dann war da natürlichnoch  der legendäre Auftritt auf dem Steampunkfestival in Stade, dem Aethercircus.  Ein Livehörspiel ist für viele etwas Unbekanntes und demnach ist es nicht leicht zu überzeugen. Aber bisher konnten wir immer begeistern, was vor allem an den Sprechern liegt, die ihre Rollen auf ganz besondere Weise interpretieren, wie es uns Autoren vorher gar nicht bewusst war. Unser Hauptfeedback war die Liebe der Zuschauer zur Figur Friedrich Adalbert vom Lehn. Der preußische Soldat spielt sich durch seine knackigen Sätze und seinem spröden Humor schnell zum Publikumsliebling hoch. Deswegen haben wir ihm auch ein Mini-Comic gewidmet. Auf  der NordCon hatten wir über 100 johlende Fans. Das wollen wir natürlich  noch weiter steigern mit der Langversion des Hörspiels am 10. August. Dieses Event wird nur stattfinden können, wenn wir genügend  Unterstützer finden. Karten bekommt man demnach nicht an der Abendkasse, sondern nur über Startnext.

Wie stellst du dir für das Gesamtprojekt ‚Steampunkhörspiele‘ die Zukunft vor? Gibt es für unsere Leser schon einen kleinen Ausblick?

Gewiss wird „Die letzte Instanz“ nicht das einzige Live-Hörspiel bleiben. Mit der Band Drachenflug habe ich schon ein paar andere verrückte Ideen ausgeheckt. Ich träume immer noch davon meinen abenteuerlustigen Captain Silversteam auf die Bühne zu jagen um ihn bester Steampunkmanier den Tag retten zu lassen: Ganz pulpig und mit jeder Menge Dampf. Aber erstmal ist diese Idee noch in weiter Ferne. Das nächste Jahr bringt vor allem andere Bühnenprojekte. Doch darüber schweige ich vorerst.

Danke für das Interview Marco, das klingt alles sehr spannend. Ich hoffe, die Finanzierung wird erfolgreich sein und ich kann mir das Stück in Hamburg ansehen :)

Mehr Informationen unter:
Marcos Webseite
Die Projektseite
Die Band Drachenflug