Im Salongespräch: Banned in Boston

Für das heutige Salongespräch mussten wir das Sofa des Rauchersalons in eine wirklich dunkle Ecke einer geheimen Jazz-Kneipe schleppen. Nur hier konnten wir ein Bandmitglied der Kombo Banned in Boston vor den Notizblock bekommen. Alle anderen Orte wurden als „zu auffällig“ abgelehnt… Dafür durften wir mit der bezaubernden Sängerin der Band Miss Penny Dreadful(1) sprechen, die mit ihrem Charme selbst Jessica Rabbit in den Schatten stellt.

Der Bandname „Banned in Boston“ könnte auf ein Konzert hindeuten, dass wirklich schief gegangen ist. Was habt ihr euch denn in Boston zu Schulden kommen lassen oder sind Eure Auftritte so unmoralisch, dass sie im sprichwörtlichen Boston unter die Zensur gefallen wären?

Tatsächlich bezieht sich das „banned“ eher darauf, dass wir uns keine musikalischen Diktate oktroyieren lassen. Wir scheren uns nicht um Genregrenzen und spielen genau das, worauf wir Lust haben. Und da wir auch vor einigen sogenannten „Rock- und Popklassikern“ keinen Halt machen, würden uns manche Musikpolizisten bestimmt gerne in den Knast stecken. Als wir beispielsweise „Zombie“ von den Cranberries als heitere Swingversion interpretierten, entrüstete sich ein Fan: „Das kann man doch bei so einem ernsten Lied nicht machen! Das geht doch nicht!“ Genau das ist Banned in Boston. Wir tun es trotzdem – und grinsen uns dabei einen.

Wie hat sich die Band zusammengefunden, besucht ihr den gleichen Speak-Easy?

Basil Blackpool hab ich aus dem Knast geholt und Chopin schuldet mir Geld.

Als Steampunker darf man natürlich nicht darüber klagen, aber die Retro-Welle rollt. 20er Jahre Partys boomen, Max Raabe ist gern gesehener Gast in Talkshows und Electro-Swing erobert die Tanzflächen. Wie erklärst du dir diese Lust am nostalgischen Blick zurück?

Nach dem Mittelalterboom fasziniert jetzt eben der Anfang des letzten Jahrhunderts mit seinem Pioniergeist, dem neugierigen Ausloten von Grenzen, dem Infrage stellen des Althergebrachten und den hemmungslosen Parties. Zweifellos auch eine ganz besondere Zeit, die goldenen 20er, die ganz besondere Persönlichkeiten hervor gebracht hat.
Ich denke, wir sind so übersättigt mit Sinneseindrücken aller Art, dass wir den Reiz des Neuen suchen, des Andersartigen und das finden wir in der verklärten und idealisierten Vergangenheit. Mein Tipp ist übrigens, dass die 50/60er als nächste Epoche einen großen Aufschwung erleben werden.

Einige wenige Konzerte habt ihr bereits gespielt, was erwartet den Zuhörer bei Euren Konzerten?
Amüsement, Vergnügen und das unwiderstehliche Gefühl, mit den Fingern im Takt schnippen zu müssen. Der diebische Spaß und die ehrliche Freude, die wir mit den Songs und beim Auftreten generell haben, kommen glaube ich auch bei den Zuhörern an, zumindest war das bisher stets so.

Was muss man tun damit ihr mal auf meiner Party spielt? Seit ihr bestechlich für solche Abenteuer?

Wir sind selbstverständlich käuflich, wie alle Laster, die etwas auf sich halten, und sind für Hochzeiten, Todesfälle, Geburtstage und wilde Partys jeglicher Couleur zu haben. Für Swing-Tanzpartys unterstützt uns ein legendärer Falschspieler, Dusty Seven, mit Percussion und Schlagzeug – wenn er nicht gerade wieder vor den Bullen flieht.
Das Kleingedruckte lässt sich dann unter booking@banned-in-boston.com regeln.

Um eine Frage kommen wir natürlich nicht umher. Was habt ihr für die Zukunft geplant?

Mehr von allem.
Mehr Party. Mehr moderne Lieder verswingen. Mehr alte Klassiker entstauben. Noch mehr Spaß haben. Und noch viele schöne Konzerte mehr für Menschen spielen, die eine Party zu feiern wissen.
Ach ja, vielleicht Ende des Jahres auch eine Schellackscheibe pressen, so sich bis dahin ein Mäzen findet. Wir werden sehen. Hauptsache es swingt, denn … It don’t mean a thing if it ain’t got the swing!

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Banned in Boston – Summertime

Salonfragen

Was verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?

Ein offener Geist, ein kultiviertes Wesen, heitere Gelassenheit, ein gepflegtes Erscheinungsbild, stets der Situation gewachsen zu sein, ohne die Fassung zu verlieren. Eleganz und Contenance.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

Genügend Zeit und ausreichend Mammon sowie die entsprechende Gesundheit, um möglichst viele Dinge dieser wunderbaren Welt erkunden und genießen zu können.
Und zwar für mich und für meine Lieblingsmenschen.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Sich mit Aufsprechern, Blendern, Egoisten und dummen Menschen abgeben zu müssen.
Tagein, tagaus ohne Sinn und Ziel zu malochen, bis die eigene Kreativität tot ist.
Ein Leben ohne Musik.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?

Optisch beispielsweise George Clooney (z.B. in der Oceans Serie) oder Sean Connery – gepflegt und graumeliert. In realitas machte für mich Richard von Weizsäcker immer den Eindruck eines Gentlemen, nicht attraktiv aber charismatisch.

Und sein weibliches Gegenstück?

Helen Mirren. Glänzt in jeder Rolle überlegen und altert in Schönheit, Eleganz und Würde. Neben ihr verblassen die Hollywoodchicks. Eine echte Lady.

“Mein Königreich für ein Pferd!”, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?


Meinem PC. Mehrmals. Allerdings eher in der Art „Du niederträchtige Ausgeburt der Hölle! Tu deine verdammte Pflicht, verflucht noch mal …“

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?
Oh da gibt es einige. Ich bin keine Freundin optischer Umweltverschmutzung. Bauchtaschen beispielsweise. Oder Lack-Wurst-Schnür-Kleider.

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?

Wenn man es denn als Laster bezeichnen will: Ein schönes Glas guter Port. Eine Nelkenzigarette. Schuhe kaufen.

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?

Eine gut gestutzte und gepflegte Barttracht ist nicht nur akzeptabel sondern geradezu attraktiv.

Die größte technische Segnung?

Die Schaffung der wunderbaren weiten Welt der Vernetzung mit all ihren schillernden Gefahren, Möglichkeiten und Wundern.

Welche Erfindung fehlt der Welt?

Ein sicheres, bezahlbares und in Lichtgeschwindigkeit funktionierendes Teleportationssystem.

Und welche hätte es besser nie gegeben?

Abgesehen von sämtlicher Kriegsmaschinerie: Die GEMA.

(1) Wie unsere Agenten erfahren haben, handelt es sich bei Penny Dreadful auch nur um einen Decknamen der Künstlerin. Die Dame verbreitet auch in anderen Genre musikalische Unterhaltung. Wir konnten aufdecken, dass sie als Amber Zeitreisen ins Mittelalter unternimmt und als Doria Gray die Zukunft des Shadowruns unsicher macht. Wir konnten die Spur bis zu diesem Steckbrief weiterverfolgen. Der Agent, der uns diese Nachricht überbrachte, verstarb bald darauf…