Im Salongespräch: Ju Honisch

Zum heutigen Salongespräch dürfen wir Ju Honisch auf die Couch bitten.

Ju hat letztes Jahr den deutschen Phantastik-Preis in der Kategorie „Bestes Romandebut“ für ihren Steampunk-Roman Das Obsidianherz (Feder & Schwert) gewonnen. Auch die beiden Folgeromane Salzträume Band 1 und Band 2 haben beste Kritiken bekommen.

Sie ist in Berlin geboren, in Bayern aufgewachsen und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität (Anglistik und Geschichte). Über einen Magister und zwei Staatsexamina brachte sie ihr Weg ins Verlagsgeschäft und von dort zum professionellen Schreiben: Kurzgeschichten, Romane, Gedichte und Lieder. Inzwischen wohnt sie in Hessen.

Vieles was sie schreibt, gehört in den Bereich der Phantastik oder ist nicht weit entfernt davon angesiedelt. Niedliche Feen und süße Elflein wird man allerdings umsonst in ihren Büchern suchen. Sie mag es handfest, und schreibt auch keine Kinderbücher.

Dein Roman Das Obsidianherz wird vom Verlag unter „Steampunk“ vermarktet. Hast du beim Schreiben auch das Genre Steampunk im Hinterkopf gehabt oder überhaupt noch nichts von dem Genre gewusst?

Die Steampunk-Verbindung war durchaus gewollt. Ich mag Steampunk. Ich habe eine große Vorliebe für das 19. Jahrhundert – auch für die stilisierte und Schnörkelvariante davon, und man findet mich auch bisweilen in Technikmuseen, wo ich fasziniert der Schönheit riesiger Schwungräder, Pleuelstangen und Messingnieten hinterherstaune. Auch mag ich die entsprechende Musik, z. B- Abney Park, aber auch Coppelius würde ich mit dazu zählen. Außerdem bin ich ja auch ein bisschen „Costumer“ und gewande mich gerne mal in Krinolinenkleid (ich habe zwei davon) oder Gehrock mit Zylinder. Steampunk ist wunderbar.

Verfügt die von dir erfundene Welt auch über politische oder philosophische Aspekte?
Die Welt ist gar nicht so sehr erfunden. Ich habe ja Geschichte studiert, und es war mir wichtig, die Welt möglichst nah an der tatsächlichen Wirklichkeit zu lassen – eben mit dem zusätzlichen Aspekt, dass es mythische Kreaturen vereinzelt tatsächlich gibt, Arkan-Wissenschaften in Logen gelehrt werden und – in „Salzträume“ – es eben auch Erfinder gibt, die das Arkane mit dem Technischen zu verbinden suchen und einen Alptraum von Maschine erfinden.
Politik und Philosophie haben ihren Anteil an den Büchern. Besonders in „Salzträume“ ist heimlich, still und leise einiges davon zu finden. Da ist zunächst mal die Grundsituation selbst: der Deutsche Bund am Vorabend des Deutschen Krieges, den Österreich und Verbündete dann verloren haben, weil Österreichs Bewaffnung nicht auf dem Stand der Technik war. „Salzträume“ offeriert einen Grund hierfür: ein skrupelloser Erfinder hat Gelder des Kriegsministeriums abgezweigt, um seine magisch induzierte Dampfkraft-Überwaffe zu bauen.
Auch wird in dem Buch auf die politische Lage eingegangen und auf die mögliche Reaktionsbandbreite des Kaiserpaares und der gesamten Obrigkeit.
Philosophisches kommt ebenso zur Sprache in den Gesprächen zwischen dem Vampir und dem Mädchen, die so unvermutet in eine gefährliche Zweckgemeinschaft gezwungen werden. Eine Kreatur, die Jahrhunderte lang gelebt hat, hat sehr eigene Positionen, was Philosophie, Religion oder auch Sittlichkeit angeht.

Steampunk wird (häufig) mit der viktorianischen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Gäbe es Grundgedanken oder Verhaltensformen die du gerne in der heutigen Zeit (wieder-)sehen würdest?

Ein paar der grundsätzlichen Benimmregeln fände ich tatsächlich schön. Einen Teil meiner Erziehung habe ich von meiner alten Oma erhalten, die 1889 geboren wurde. Sie ist natürlich schon sehr lange tot. Das Erbe ihrer Ansichten bezüglich passenden Betragens knallt manchmal recht laut und unschön mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zusammen. Wobei sich das ja selten verallgemeinern lässt. Im 19. Jahrhundert war der Verhaltenskodex der Menschen genau wie bei uns von sozialen Aspekten und geographischer Herkunft bestimmt. Die Welt bestand nicht nur aus zylinderbehüteten Herren der Oberschicht im nebelverhangenen London, und selbst in diesem haben sich die Regeln des Zusammenlebens massiv unterschieden.
Ich denke mir, würde man vom 22. Jahrhundert aus zurückschauen, würde es sicher auch bei uns einen Ansatz geben – man fragt sich welchen. Vielleicht gibt es dann LARPs für Autobahnstaus? – den die Menschen rückblickend erstrebenswert und romantisch finden. Doch wir, die wir mitten in unserer Epoche stecken, finden sie komplex, unüberschaubar und sehr uneinheitlich.

Wo oder von wem lässt du dich besonders gerne inspirieren?
Von Bildern. Ich mag die Kunst des 19. Jahrhunderts und befasse mich auch gerne mit der Fotografie aus der Zeit. Für mein nächstes Buch (Titel steht noch nicht fest, aber es ist bereits fertig und wird vermutlich auch bei Feder & Schwert rauskommen) habe ich mich sehr intensiv mit der Kunst und den Künstlern der Zeit beschäftigt, weil der Held des Buches an der damals weithin berühmten Kunstakademie zu München studiert, bevor er so unvermittelt in etwas gänzlich anderes hineingezogen wird.
Zu der Zeit erlebte die Malerei in etwa so was wie eine „Fantasy-Phase“. Märchen, Legenden, Elfenreigen usw. wurden auf Leinwand gebannt. Ganz konkret hat mich sogar ein Bild auf meinen ersten Roman gebracht. Es war eine Modezeichnung aus dem 19. Jahrhundert. Modehefte waren damals noch Drucke von Zeichnungen – keine Fotos. Das Bild eines Mädchens inspirierte mich zu Corrisande, der Heldin aus dem „Obsidianherz“.
Dass ich vom Bildhaften inspiriert werde ist letztlich auch ein Grund, warum ich Steampunk so mag. Hier eröffnen sich lebende, phantasievolle Bilder und Möglichkeiten. Die ganze Szene und Ideenwelt ist einfach schön anzusehen, pittoresk und liebevoll im Detail.
Im 19. Jahrhundert wurde das Handwerk zur Technik. Im Steampunk wird Technik wieder zum Handwerk, sogar zum Kunsthandwerk und letztlich zur Kunst.

„Love the machine, hate the factory“ ist ein Credo der Steampunk-Kultur. Nehmen wir das als Aufruf wieder mehr wert auf das „Selber machen“ zu legen ohne dabei auf den Baum zurück zu wollen. Kannst du hierzu einen Bezug herstellen? Schlägt sich das in deinem (Kauf-)Verhalten nieder?

Handgemachtes ist immer besser als Massenware. Wer keinen Massengeschmack hat, der muss eben viel Mühe und Phantasie investieren, um das zu bekommen, was ihm gefällt. Selber machen ist da die kreativste aller Möglichkeiten. Und im Steampunk ist ja wirklich viel Kreativität unterwegs.
Tatsächlich will ich nicht auf den Baum zurück – ich schätze doch einige grundlegende Errungenschaften dieses und des letzten Jahrhunderts. Demokratie, medizinische Versorgung, Bildungschancen, Gleichberechtigung, um nur ein paar zu nennen.
Aber die Produkte, die uns umgeben, haben natürlich an Individualität verloren und somit letztlich auch wir. Nur Massenprodukte sind meist erschwinglich. Wer was anderes will, muss eben auch mal bereit sein, selbst Hand anzulegen. Natürlich sieht das dann auch anders aus – fällt sozusagen aus der glatten Masse heraus, hat Ecken, Kanten, Schnörkel und erfreulich funktionslosen Zierat. Und das ist gut so. Wir selbst wollen ja auch nicht auf unsere reine Funktion reduziert werden.
Ich habe einen etwas unkonformen Geschmack, ich geb’s zu. Da heißt es in vielen Dingen, selber machen oder z.B. die alten Möbel, die die Freunde zerhacken wollen, retten und ihnen ein freundliches Heim zur Verfügung stellen auf ihre alten, lederabgewetzten Tage.

Warum glaubst du, dass Steampunk in Deutschland noch so wenig Beachtung findet (Im Gegensatz zu USA/UK)? Wird sich diese Grundhaltung in Zukunft ändern?

Ich finde gar nicht, dass Steampunk hier nicht bekannt ist. Ich finde, es geht gerade richtig los. Allein in den letzten drei Wochen habe ich zwei Anfragen bekommen, wegen Steampunk-Kurzgeschichten für Projekte. Natürlich hat der Steampunk die Allgemeinheit noch nicht erreicht. Die großen Verlage werden Steampunk in fünf Jahren entdecken und dann so tun, als hätten sie ihn erfunden.
Die „Mundanes“ haben den Begriff sicher noch nicht gehört. Das sehe ich nicht als Nachteil – außer vielleicht für die Verkaufszahlen meiner Bücher, für die ich mir natürlich wünschte, Steampunk würde so richtig einschlagen. Welcher Autor würde nicht gerne mal Zentrum eines „Hype“?

In den USA hat sich die Literaturwelle aus der Steampunk-Subkultur des „Make“ (Dinge wieder selber herstellen oder umbauen) entwickelt, Deutschland geht da wahrscheinlich mehr den umgekehrten Weg. Glaubst du das sich auch hier eine derartige Subkultur entwickeln kann, oder wird sie hier eine reine „Mode-Welle“ werden?

Ja, ich glaube eher, dass Steampunk híer nur ein Modetrend wird und nicht primär eine kreative Bewegung. Ich denke einfach, die Ausgangssituationen sind unterschiedlich. USA ist ein Land fast ohne Vergangenheit, war im
technischen Fortschritt lange führend (und glaubt es immer noch zu sein) und ist letztlich das Ursprungsland von Massenanfertigung und Plastikwaren. Dagegen ist nichts zu sagen: beide erleichtern das Leben und haben den Wohlstand der Allgemeinheit gefördert.
In Europa jedoch ist Geschichte immer Teil unseres Lebens, ob wir nun ringsum Burgen haben oder mit den Sissi-Filmen groß geworden sind. Die Menschen hier müssen sich keine Vergangenheit bauen – sie liegt hier überall
rum. Zukunftsgläubigkeit (von Optimisimus bis hin zur Kritiklosigkeit) ist ein großer Teil der durchschnittlichen Einstellung eines US-Bürgers. Damit ist Steampunk fast eine kulturelle Protestbewegung, Blumenkinder der Technik sozusagen. Hier geht es rückwärts, nicht vorwärts. Die gleiche Zukunftsgläubigkeit ist in Westeuropa nicht in dem Maß zu finden. Das heißt nicht, dass es hier keine Hochtechnologie gibt – gibt es – sondern dass eben auch noch vieles andere unsere kulturelle Umwelt bestimmt. Alles was hier existiert, ist irgendwie gewachsen. Wer Schnörkel will , der besucht die König Ludwig Schlösser. Wir müssen die Schönheit einer nicht funktional ausgerichteten Technik nicht neu erfinden. Sie ist schon da.

Buchtrailer zu Das Obsidianherz

[youtube]http://de.youtube.com/watch?v=dxgX2pqX9xI[/youtube]

Salonfragen

Was ist für verkörpert für dich die Essenz des Gentleman/ der Lady?

„A gentleman knows how to play the pipes but doesn’t“, hat mir ein befreundeter Dudelsackpfeifer vor vielen Jahren mal gesagt. Da liegt viel Wahres drin: ein bisschen Bescheidenheit, jede Menge Können. Rücksichtnahme und auch das Mitdenken für andere und die Bereitschaft zur Verantwortung. Dazu gesellen sich dann ganz wie von selbst natürlich noch die passenden Umgangsformen.
Für eine Lady sind die Anforderungen nicht geringer. Tatsächlich würde ich sagen, sie sind gleich.
Und das ganze wäre mit ein wenig individueller Eleganz geschmückt dann perfekt. Ladies and Gentlemen sind keine Fließbandpuppen. Barbie und Ken erfüllen die Ansprüche nicht.

Was ist deine Vorstellung von einem/dem Paradies?

„Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“. Ich glaube, das fände ich nett – mitsamt Lederhosen tragenden Cherubim und Erzengeln, die ihre Schwerter irgendwo rumliegen lassen und dann nicht wiederfinden können. Und mit einem Tod, den man beim Kartenspielen besch…ßen kann.

Und deine Vorstellung von der Hölle auf Erden?

Unfreiheit und Unterdrückung, sei es durch Staat, Weltanschauung oder Religion.

Wie sieht für dich der perfekte Gentleman aus? Kannst du ein Beispiel benennen, lebend oder tot?
Oh ja. Ich weiß einen, aber er ist ein Gentleman und deshalb wäre es ihm sicher peinlich, hier beschrieben zu werden. Ansonsten, auch wenn es schon ein bisschen verstaubt ist: John Steed aus den „Avengers“ prägt das Bild nicht unerheblich.

Und sein weibliches Gegenstück?

Passend dazu vermutlich Emma Peel. Wenn man mit so viel Eleganz und Finesse zuzuschlagen weiß, als reichte man gerade die Gurken-Sandwiches (weitaus angesagter als Kuchen, laut Oscar Wilde) zum Tee, dann hat man in punkto Lady die höheren Weihen schon erhalten.
Beide könnte ich mir wunderbar in einer Steampunk-Umgebung vorstellen.

„Mein Königreich für ein Pferd!“, rief Richard der III. Welchem Objekt hast du jemals mit so einer Inbrunst zugerufen?

Ein Königreich für einen Verlag, der mein Manuskript tatsächlich liest. Ist eine Weile her, aber wie die meisten Autoren haben ich bzw. mein erstes Buch auch erst mal lange „ungeöffnet auf feindlichen Schreibtischen herumgelegen“. Es war, um mit Richard III. weiter zu sprechen, „the winter of our discontent – der Winter unseres Missvergnügens“.

Welches Kleidungsstück würdest du niemals tragen?

Leopardenfleckiges oder tigergestreiftes Zeugs. Auch Zebramuster sieht nur gut auf Zebras aus (außer man legt Wert darauf, den Charme eines gestreiften Pferdehinterns an den Tag zu legen). Und von Kuhschecken will ich gar nicht erst reden.

Welches Laster, wenn es eines gibt, kann in seiner verruchten Form die Kultiviertheit erweitern?
Keines. Aber so manches verruchte Laster mag in seiner kultivierten Form ausgesprochen angenehm und unterhaltsam sein.

Welche Form der Gesichtsbehaarung ist akzeptabel für einen Gentleman?
Jede, sofern er nicht zuwuchert, was hinderlich beim Küssen ist. Oh. Auf Hitlerbärtchen würde ich auch verzichten wollen.

Die größte technische Segnung?
Innerstädtische Wasser-/Abwassertechnik. Sie macht das Zusammenleben in industriellen Ballungsräumen erst möglich. Was nützt einem die schönste Dampftechnik, wenn um einen herum alle an Ruhr und Cholera verenden?

Welche Erfindung fehlt der Welt?
Sichere mechanische Teleportationsautomaten.

Und welche hätte es besser nie gegeben?
Den Silikonbusen.

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