Deutsche Steampunk Anthologie

Europa 1899, vier deutschsprachige Städte in einem konsistenten Steampunk-Universum. 16 Autoren, die in Vierergruppen Plots entwickeln, die pro Stadt (und teilweise auch darüber hinaus) verknüpft sind und so eine Weiterführung und Erweiterung des Universums ermöglichen….

Endlich müssen deutsche Steampunker nicht mehr neidisch über den großen Teich schauen, wenn es um Literatur geht.  Mit der Steampunk Anthologie, die  im Arcanum Fantasy Verlag erscheinen wird, werden Dampfgeschichten nicht nur in Deutsch erzählt, sondern sind auch von deutschen Autoren geschrieben. Der Titel der Anthologie ist noch in Arbeit, das geplante Erscheinungsdatum soll Juni 2010 sein. Die Ingenieure der Sammlung sind die Autoren der Edition Geschichtenweber. Wir haben mit Chef-Ingenieur Stefan Cernohuby über die Steampunk-Anthologie gesprochen:

Clockworker: Wie bist du auf Steampunk gestoßen und was war dein erster Eindruck vom dem Genre?

Stefan: Bis vor etwas mehr als zwei Jahren kannte ich Steampunk eher nur am Rande. Ja, ich hatte einmal „Wild Wild West“ gesehen, die fliegende Lokomotive am Ende von „Zurück in die Zukunft III“ war mir ein Begriff und ich hatte auch einige Bücher gelesen, die sich grob dem Genre Steampunk zuordnen lassen. Aber viel mehr Verbindung zu Steampunk hatte ich nicht. Dann wurde im Forum der Geschichtenweber (www.edition-geschichtenweber.de) über eine mögliche Anthologie zu dem Thema diskutiert. Dabei wurden etliche Steampunk-Romane, -illustrationen und -kunstwerke vorgestellt und kommentiert. Ich habe mich dann mehr in die Materie eingelesen und war begeistert. Schlussendlich brauchte das Projekt jemanden, der der es zum Laufen brachte und es unter „Volldampf“ setzte. Also meldete ich mich freiwillig. Und „Volldampf“ war dann auch der Arbeitstitel der Anthologie.

Clockworker: Ihr betretet mit der Anthologie „literarisches Neuland“, da es bisher keine deutschen Steampunk-Veröffentlichungen gibt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, dem Thema eine ganze Anthologie zu widmen?

Stefan: Stimmt, das war mir zum damaligen Zeitpunkt auch durchaus bewusst, hat sich aber zu einem zusätzlichen Anreiz entwickelt. Die Geschichtenweber haben viel Erfahrung darin, Anthologien zu planen, Ausschreibungen zu veranstalten und durchzuführen. Diese Erfahrung zu nutzen war naheliegend. Hätten meine Mitstreiter und ich sofort damit begonnen, eine Romanserie zu konzipieren, zu schreiben und versucht, diese verschiedenen Verlagen anzubieten, wäre dies einerseits ein größeres Risiko gewesen, andererseits wäre der Zeitaufwand immens gewesen.
Daher haben wir uns für einen Mittelweg entschieden und eine konsistente Welt ausgearbeitet, in der verschiedene Autoren zusammenhängende Plots entwickelt haben. Eine Welt, die durchaus ausbaufähig ist.

Clockworker: Du hast bereits geschrieben, dass das Thema „World-Building“ wichtig für euch war. Wie tief habt ihr die Welt ausgearbeitet und warum habt war euch das wichtig?

Stefan: Das „Warum“ ist mit zweierlei Gründen zu beantworten. Zum einen ist es relativ „einfach“ (unter Anführungszeichen) eine Ausschreibung zu einem vagen Thema zu veranstalten und unter X Einsendungen jene auszusuchen, die am ehesten in das Konzept passen, das man eigentlich hatte – das Ergebnis ist aber selten vollständig befriedigend. Zum anderen war uns die Abgrenzung zu Steampunk-Untergenres wie Steamfantasy wichtig. Nach langen und ausführlichen Diskussionen haben wir uns auf eine detaillierte Welt geeinigt, die ein Steampunk-Äquivalent unserer Realität im Jahre 1899 darstellt. Um mehr darüber herauszufinden, sollte man allerdings besser die Anthologie kaufen und lesen. (lacht)

Clockworker: Wie war die Resonanz bei den Autoren, als du dein Konzept vorgestellt hast? Deutsche Verlage halten sich sehr zurück was das Genre angeht, fällt Steampunk bei Autoren auf einen fruchtbareren Boden? War es schwierig einen Verlag von dem Konzept und dem Thema zu überzeugen?

Stefan: Viele Verlage im deutschsprachigen Raum sind grundsätzlich vorsichtig bei Themen, mit denen sie selbst nicht viel anfangen können. Aus diesem Grund haben wir auch professionell gelayoutetes Infomaterial erstellt, um sowohl das Thema Steampunk aufzuarbeiten als auch unsere Anthologie mit all ihren Tiefen den Verlagen schon vorab schmackhaft zu machen. Interesse haben einige gezeigt, aber richtig um das Projekt bemüht hat sich letztlich nur ein Verlag, dem das Thema selbst sichtlich auch nicht fremd war.
Bei den Autoren ist unser Konzept sofort auf fruchtbaren Boden gefallen. Denn um sie in ihrer Arbeit ein wenig zu fordern, haben wir uns auch für die Geschichten selbst ein Arbeitsgruppenkonzept erarbeitet: Die Erzählungen spielen in den vier größten Städten des deutschsprachigen Raums. Die Geschichten in Berlin, Wien, Hamburg und München sind pro Stadt und auch darüber hinausgehend miteinander verknüpft. Dafür haben wir bekannte Autoren gewinnen können, darunter Andreas Gruber („Der Judas Schrein“, „Die Engelsmühle“, „Das Eulentor“), Gerd Scherm („Der Nomadengott“, „Die Irrfahrer“, „Die Weltenbaumler“) und einige andere mehr. Mit Torsten Sträter haben wir auch einen der bekanntesten Kurzgeschichtenautoren Deutschlands davon überzeugen können, die einleitende Erzählung für den Band zu verfassen.

Clockworker: „Love the machine – hate the factory“ ist ein Credo der Steampunk-Subkultur und sie will eine nicht technikfeindliche Technikkritik sein, die wieder mehr Wert auf das „Selber Machen“ legt, ohne dabei zurück in die Höhle zu wollen. Wie beurteilst du die Entwicklung, dass sich aus dem erst rein literarischen Genre Steampunk eine aktive Subkultur entwickelt hat, die durchaus auch einen politisch/gesellschaftlichen Anspruch hat? Wird sie mehr als nur eine Mode-Erscheinung sein?

Stefan: Wenn man einen genaueren Blick auf Steampunk wirft, wird man zwangsläufig feststellen, dass der dystopische Bestandteil untrennbar mit dem Genre verbunden ist. In einer Welt, in der alles mit Dampf betrieben wird, welcher durch Kohle erzeugt wird, benötigt man unzählige Bergarbeiter und Heizer, die sicherlich nicht in unter den besten Bedingungen leben. Dieser Sachverhalt lässt natürlich auch auf die Realität und die heutige Zeit umlegen, in der oft auf jene vergessen wird, die dafür sorgen, dass für uns sowohl alltägliche Gebrauchsartikel wie auch Luxusgüter zur Verfügung stehen. Dieses Thema ist in unserer Anthologie subtil eingeflochten. Trotzdem kann ich nicht beurteilen, wie weit der tatsächliche gesellschaftskritische Anspruch der Steampunk-Subkultur geht und ob er nicht einfach nur ein Bestandteil des Umfelds bleibt. Ich bin mir allerdings sicher, dass sich Steampunk im Laufe der nächsten Jahre verbreiten und auch in unseren Landen Fuß fassen wird. Vielleicht kann man dann auch beurteilen, ob sich das Genre eher in Richtung Modeerscheinung oder Bewegung entwickelt. Wir werden auf jeden Fall Teil davon sein.

Clockworker: Wie ist das Projekt aus deiner Sicht gelaufen, was würdest du verbessern?

Stefan: Das Projekt ist sehr gut gelaufen. Natürlich gab es einige schwierige Zwischenphasen und kleinere Reibereien zu überwinden, aber das gehört einfach dazu. Verbessern würde ich im Nachhinein den Review-Prozess, der hat uns ein paar Schwierigkeiten bereitet – trotzdem hat es nichts gegeben, was sich durch ein wenig Mehrarbeit nicht aus der Welt zu schaffen war.

Clockworker: Ihr habt die Welt nun gründlich ausgearbeitet, da wäre es doch schade, wenn sie wieder im Regal versinkt… Oder anders gefragt, darf man auf neue Abenteuer hoffen?

Stefan: Das wäre natürlich der Plan. Allerdings muss sich erst zeigen, wie viel Resonanz der Band erzeugt, beziehungsweise wie die Kritiken ausfallen. Aber sollte sich alles nach Wunsch entwickeln, würde weiteren Erzählungen natürlich nichts im Wege stehen.

Clockworker: Herzlichen Dank für das Interview und .. Volldampf voraus!